In der Altstadt kann wertvolle Zeit verstreichen

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Regelmäßige Befahrungen der historischen Gassen durch die Feuerwehr soll Problem abhelfen

Es hat schon was für sich, so eine Fahrt mit dem Feuerwehrauto. Auch wenn es ganz gemächlich zugeht, ohne Blaulicht und Martinshorn.

Doch der Blick von so weit oben über die Autos in der Schlange vor der Ampel nebenan und den gut gefüllten Sonnenplatz weiter vorne, bietet eine ganz eigene Perspektive. Und auch drinnen im neuen Löschfahrzeug LF 20 der Herrenberger Wehr gibt es einige technische Feinheiten zu bestaunen. Doch das Hochgefühl verpufft recht schnell. Genau genommen schon wenige Augenblicke nach dem Abbiegen von der Hauptstraße und noch bevor es in den verkehrsberuhigten Bereich der Innenstadt geht. Schneckentempo ist angesagt. Der dort stehende Bauzaun macht kaum Schwierigkeiten und es sind auch nicht die Fußgänger oder Radfahrer, die dem Feuerwehrauto entgegenkommen. Marc Langer steuert an ihnen locker vorbei. Es sind die geparkten Autos, die den hauptamtlichen Gerätewart der Herrenberger Gesamtwehr zum Langsamfahren zwingen.

Ordnungsamt im Boot

Heute ist das kein Problem, schließlich hat kein Alarm die Feuerwehr auf den Plan gerufen, sondern das Ordnungsamt. Wo sonst die Kameraden sitzen und auf der Anfahrt zum Einsatzort ihre Atemschutzgeräte anlegen, haben Dieter Bäuerle und Thomas Härther Platz genommen, die beiden Mitarbeiter der Stadtverwaltung stöbern in ihren Akten. Unter anderem ist darin vermerkt, wo und was in den schmalen Altstadtgassen stehen darf - und wo welcher Freiraum gebraucht wird. Freiraum für den Lieferverkehr und die Wochenmarktbeschicker. Noch wichtiger aber: für die Einsatz- und Rettungsfahrzeuge. Die Pläne sind nicht am Schreibtisch entstanden, sondern nach einer früheren Befahrung. "Zusammen mit Werner Widmayer sind wir damals auch mit einem Auto durch die Stadt", sagt Dieter Bäuerle noch, bevor er zum ersten Mal aussteigen muss. Stühle- und Sonnenschirmrücken ist angesagt, denn selbst im kleinsten Gang und mit zentimeterweisem Vorrücken ist kein Durchkommen mehr.

Ähnliches haben die Herrenberger wenige Tage zuvor schon einmal erlebt - die recht kurzfristig anberaumte Befahrung an diesem Nachmittag hat einen ganz konkreten Hintergrund. Einen ernsten noch dazu, die Integrierte Leitstelle in Böblingen löste damals bei den Herrenbergern Alarm aus. In der Tübinger Straße rauchte es gewaltig aus einem Einlaufschacht. Doch auf der Anfahrt kam es zu einem ebensolch abrupten Zwangsstopp wie jetzt bei der Testfahrt. Die Folge: Die Floriansjünger mussten zuerst bei der Straßengastronomie Stühle wegrücken, bevor der Maschinist seine Fahrt fortsetzen konnte. Im Falle des jüngsten Einsatzes fiel die Verzögerung nicht so sehr ins Gewicht, das Feuer drohte weder auf Gebäude überzuspringen, noch waren Menschen in Gefahr. Doch: "Das kann auch ganz böse enden", sagt Ralf Ruthardt. Der Abteilungskommandant der Herrenberger Wehr erinnert an die Stadtbrände, die Herrenberg in früheren Zeiten heimgesucht haben. Natürlich weiß auch er um das besondere Flair, das die engen Gassen verbreiten und das man gerade im Sommer gerne im Freien genießen möchte. Doch bei allem Verständnis hat er auch eine andere Sicht auf die Dinge. "Man muss auch an die denken, die in der Altstadt wohnen und im Ernstfall auf die Feuerwehr warten." Gleiches gilt natürlich auch für alle anderen Wohngebiete. "Wenn es brennt oder Menschen anderweitig in Gefahr sind, kommt es auf jede Minute an. Eigentlich auf jede Sekunde", betont Ralf Ruthardt. "Da haben wir nicht auch noch Zeit, Stühle zur Seite zu rücken oder Autos von der Straße zu bekommen."

Doch was tun, wenn die Einsatzfahrzeuge trotz aller entsprechender Vorschriften in Straßenverkehrsordnung und Landesbauordnung von Hindernissen ausgebremst werden, weil diese Vorschriften nicht eingehalten werden? Den Weg mit dem Zwölf- oder 14-Tonner frei "rammen" ist keine Lösung und keine gängige Praxis. Auch wenn sich dieses Gerücht in Bezug auf die Arbeit der Feuerwehr hartnäckig hält. Marc Langer und Ralf Ruthardt führen zum einen die Kosten an. Den Schaden am Einsatzfahrzeug, an den falsch geparkten Autos oder - wie in diesem Fall am Inventar vor und an den Geschäften - muss die Feuerwehr, also die Stadt als Träger der Feuerwehr, bezahlen. Auch wenn andere gegen die Regeln verstoßen haben.

Zum anderen und das ist der eigentliche Knackpunkt: "Es bringt nichts, wenn wir irgendetwas mit dem Auto zur Seite schieben, denn wenn es sich verkeilt, kommen wir erst recht kein Stück voran", sagt Ralf Ruthardt. Im Ernstfall ist - wie bei der Testfahrt - aussteigen angesagt. "Als Gruppenführer kann ich einen Trupp vorausschicken, der schon einmal mit dem Aufbau der Wasserversorgung beginnt", nennt der Herrenberger Abteilungskommandant ein realistisches Vorgehen. Der Haken an der Geschichte: Die Kameraden haben bereits ihre Atemschutzgeräte angelegt, bis es zum Innenangriff kommen kann, ist die Atemluft in den Flaschen aufgebraucht. Tagsüber, wenn man auf jede verfügbare Einsatzkraft angewiesen ist, schmerzt eine solche "Verschwendung" ganz besonders.

Engstellen dokumentiert

Wie bei jeder Befahrung nutzt das Ordnungsamt die Gelegenheit zur Dokumentation. Bilder werden gemacht, Engstellen ausgemessen - es werden Konsequenzen gezogen. In diesem Fall werden die Technischen Dienste, Bauhofleiter Rolf Bühler ist an diesem Nachmittag ebenfalls mit von der Partie, farbliche Akzente setzen und mit andersfarbigen Pflastersteinen gut sichtbar die Fläche markieren, die zugestellt werden dürfen. Oder anders ausgedrückt: Den Weg markieren, den die Kameraden brauchen, um ihre oftmals lebensrettende, ehrenamtliche Arbeit ausüben zu können. Dabei könnte es so einfach sein: "Parken Sie so, wie es durch die Straßenverkehrsordnung geregelt ist", so der Tipp von Ralf Ruthardt an alle Autofahrer.

2016 08 03 In der Altstadt kann wertvolle Zeit verstreichen
Die Herrenberger Feuerwehr übt - so wie hier - regelmäßig die Fahrt durch die enge Altstadt

Quelle:
Text: Gäubote - Sabine Haarer
Foto: Gäubote - Bäuerle