"An der Einsatzstelle gibt es keine Diskussion"

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Werner und Andreas Widmayer sind als Vater und Sohn bei der Freiwilligen Feuerwehr

"Wir haben die Rollen getauscht", sagt Werner Widmayer. Hat ihn früher Sohn Andreas gefragt, was gewesen ist, wenn er von einem Einsatz nach Hause kam, so fragt heute er seinen Filius, was diesen bei Nacht aus dem Bett getrieben hat. Der "Gäubote" hat sich mit dem früheren Herrenberger Stadtbrandmeister, - der seine Feuerwehr-ämter aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hat - und seinem Sohn Andreas über ihr Ehrenamt und ihre Vater-Sohn-Rolle bei der Feuerwehr unterhalten.

"Gäubote": Herr Widmayer, eine Frage vorneweg: "Wie geht es Ihnen?"

Werner Widmayer: "Es geht mir inzwischen besser. Das letzte Jahr war nicht einfach, das gebe ich ehrlich zu und ich bin auch noch ein Stück weit davon entfernt, dass ich sage, es geht mir gut. Aber seit einigen Monaten hat sich die Situation gebessert."

"Gäubote": Sie sind inzwischen wieder regelmäßig im Feuerwehrhaus anzutreffen.

Werner Widmayer: "Ja. Seit Januar bin ich wieder eingeschränkt arbeitsfähig, während der Wiedereingliederung am Anfang des Jahres war ich jeweils für ein, zwei Stunden am Tag hier. Inzwischen arbeite ich wieder mit einem Stellenumfang von 60 Prozent als Sachbearbeiter für Feuerwehrangelegenheiten - und bei diesem Stellenumfang wird es auch künftig bleiben."

"Gäubote": Was genau gehört denn zu Ihren Aufgaben als Sachbearbeiter?

Werner Widmayer: "Die Prüfung und Aktualisierung von Feuerwehrplänen und von Linienkarten. Die Abnahme von Brandmeldeanlagen, die Feuerwehrsachbearbeitung allgemein. Also die Einsatzberichterstattung, die Auszahlung von Einsatzgeldern, die Beschaffung von Verbrauchsmitteln und Dienstkleidung, die europa-konforme und damit rüttelfeste Ausschreibung von Neufahrzeugen. Dazu kommt der ein oder andere Ortstermin zu feuerwehrtechnischen Fragen, beispielsweise zu Zufahrt- oder Drehleiteraufstellmöglichkeiten. Also alles Aufgaben, die ich früher auch gemacht habe."

"Gäubote": Sie sind immer noch aktives Mitglied der Herrenberger Einsatzabteilung und könnten im Ernstfall mit ausrücken, oder?

Werner Widmayer: "Ein Einsatz als Atemschutzträger ist nicht mehr möglich, aber ich könnte durchaus als Fahrzeugführer mit ausrücken. Aber das möchte ich nicht, ich halte mich aus dem Einsatzgeschehen raus. Eine Entscheidung, die ich ganz bewusst so getroffen habe. Der Widmayer-Zug ist lange genug durch die Gegend gefahren, das müssen jetzt andere machen."

"Gäubote": Wie schwer ist es für Sie, nicht mit an die Einsatzstelle rauszufahren?

Werner Widmayer: "Nicht so schwer, wie ich mir das vorgestellt habe. Als ich den Entschluss gefasst hatte, war mir natürlich klar, dass es ein Einschnitt ist wie kein zweiter. Es ist ja nicht so, dass ich langsam aus dem Job herausgegangen bin, wie das für kommenden März geplant war."

"Gäubote": Für kommenden März?

Werner Widmayer: "Im Frühjahr 2017 wären vier Wahlperioden voll gewesen und ich habe der Verwaltung schon vor zwei Jahren mitgeteilt, dass ich für eine weitere Wahlperiode nicht mehr zu Verfügung stehe. Denn dann werde ich 60 Jahre alt und ich habe darauf hingearbeitet, dass dann für mich Schluss ist. Aber so wie es jetzt gelaufen ist, haben mich - und auch die Stadt Herrenberg - die Ereignisse eingeholt."

"Gäubote": Herrenberg bekommt einen hauptamtlichen Stadtbrandmeister und dieser einen ebenfalls hauptamtlichen Stellvertreter. Welche Aufgaben haben dann künftig Sie als Sachbearbeiter?

Werner Widmayer: "Eines vorneweg: Die Neuorganisation bei der Feuerwehr Herrenberg ist der einzig richtige Schritt. Dass es dadurch eine neue Aufgabenverteilung geben wird, ist klar. In wieweit ich eingebunden werde, wird man sehen, wenn die beiden Stelleninhaber da sind und die Organisationsstruktur steht. Fest steht aber schon jetzt: Meine Arbeit wird ganz klar die eines Schreibtisch-Täters sein."

"Gäubote": Die Stellen sind ausgeschrieben. Sind das Aufgaben, die Sie reizen, Andreas Widmayer? Können Sie sich vorstellen, es Ihrem Vater nachzutun und die Feuerwehr ebenfalls zum Beruf zu machen?

Andreas Widmayer: "Ich habe es mir schon durch den Kopf gehen lassen, aber dabei ganz klar festgestellt: Ich möchte die Feuerwehr weiterhin nur als Hobby haben."

"Gäubote": Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Andreas Widmayer: "Nur Feuerwehr, das kann ich mir einfach nicht vollstellen. Ich brauche einen Ausgleich. Die Informatik macht mir Spaß und die Feuerwehr macht mir auch Spaß. Ich habe mit meiner Stelle eine gute Kombination gefunden zwischen Beruf und Hobby und ich kann mir durchaus vorstellen, das exakt so noch ein ganzes Weilchen zu machen. Es ist schön, ein erfüllendes Leben zu haben."

"Gäubote": Feuerwehrmann, das ist für viele ein Traumberuf. Für Sie nicht?

Andreas Widmayer: "Es ist eine tolle Arbeit. Aber ich habe bei meinem Vater schon gesehen, was dahintersteckt. Es ist einfach kein Job, bei dem man um 9 Uhr beginnt, um 17 Uhr Feierabend und die Wochenenden frei hat. Ich bin zwar oft abends unterwegs, bei Einsätzen, Übungen oder durch meine Arbeit auf Kreisebene - aber es ist doch immer noch ein Hobby für mich. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass der finanzielle Aspekt auch eine Rolle spielt. Als Feuerwehrmann verdient man in Deutschland selten gut."

"Gäubote": Die saloppe Formulierung "erblich vorbelastet" trifft auf Ihren Sohn ja voll zu. Wie war das bei Ihnen, Werner Widmayer. Wie kamen Sie zur Feuerwehr?

Werner Widmayer: "Ganz einfach: Es gab damals in Affstätt fast keine anderen Möglichkeiten. Es gab einen Gesangverein, einen Sportverein und die Feuerwehr. Punkt."

"Gäubote": Und Sie wollten weder singen, noch kicken?

Werner Widmayer: "Ich kann nicht singen. Und das Kicken, was ich eine Zeitlang in der Jugend gemacht habe, war auch nicht durchschlagend. Aber Spaß beiseite. Mein Vater war 20 Jahre lang Kommandant in Affstätt und so bin ich dazugekommen. Zudem hatte ich einige Kindergarten- und später Schulfreunde, die auch mit zur Feuerwehr gegangen sind."

"Gäubote": Wissen Sie noch, wann das war?

Werner Widmayer: "Am 1. März 1975. Wir sind damals zu einer Übung und waren danach einfach dabei. Wir haben ein paar alte Gummistiefel bekommen und Klamotten, in die man hineinwachsen konnte. Eine grüne Jacke und grüne Hosen, was seinerzeit die Einsatzkleidung in Baden-Württemberg war. Eine Grundausbildung gab es damals noch nicht, eine Gesundheitsprüfung auch nicht. Wir haben einfach mit dem Leistungsabzeichen angefangen. Ein einfacher, aber funktioneller Weg zur Feuerwehr."

"Gäubote": Andreas Widmayer, wie war das bei Ihnen?

Andreas Widmayer: "Ich bin ab und an mit runter zur Feuerwehr, wenn mein Vater gearbeitet hat und bin dabeigeblieben. Im Jahr 2002 konnte ich zur Jugendfeuerwehr und von da an ging es toujours durch bis jetzt zum Gruppenführer."

"Gäubote": War es für Sie ein Vorteil, dass Ihr Vater Stadtbrandmeister und Abteilungskommandant war oder hat es das schwieriger gemacht?

Andreas Widmayer: "Sowohl als auch. Einfacher, weil man früh dabei war und damit früh viel Hintergrundwissen mitbekommen hat. Aber gerade das war eben auch nicht immer einfach. Einerseits wusste ich, was hinter den Kulissen läuft und andererseits habe ich mitbekommen, was belanglos geredet wurde. Das waren manchmal zwei verschiedene Welten und man musste dann irgendwie diplomatisch sein."

"Gäubote": Wie war es für Sie, Werner Widmayer?

Werner Widmayer: "Für mich war es völlig problemlos."

"Gäubote": Schaut man denn als Vater nicht ganz genau hin und ist vielleicht auch ein wenig kritischer, was die Arbeit und die Leistung des eigenen Sohnes anlangt?

Werner Widmayer: "Bei der Feuerwehr ist das eigentlich recht gut geregelt. Es war nicht meine Aufgabe, nach Andreas zu schauen. Denn wie es der Name schon sagt: Der Gruppenführer ist für seine Gruppe zuständig. Wir sind ja auch nicht die Einzigen mit dieser Familienkonstellation. Es gibt bestimmt allein in der Gesamtwehr Herrenberg 15 andere Familien, wo Väter und inzwischen auch Mütter und ihre Kinder bei der Feuerwehr sind."

"Gäubote": Und im Einsatzfall, macht man sich als Vater Sorgen, wenn der Sohn als Atemschutzgeräteträger in vorderster Reihe eingesetzt wird?

Werner Widmayer: "Ich mache mir jetzt fast mehr Sorgen, wenn er nachts zu einem Einsatz geht."

"Gäubote": Weil Sie nicht mehr dabei sein können?

Werner Widmayer: "Genau. Wobei immer etwas passieren kann. Aber um die Gefahr möglichst kleinzuhalten, sind wir ja alle gut ausgebildet und machen wir unsere Übungsdienste. Dazu wird ganz bewusst einem Anfänger immer ein älterer und erfahrener Kamerad zur Seite gestellt, die dann gemeinsam einen Trupp bilden."

"Gäubote": Andreas Widmayer, hat es für Sie einen Unterschied gemacht, ob Ihnen bei einem Einsatz Ihr Vater Anweisungen gegeben hat oder ein anderer Einsatzleiter?

Andreas Widmayer: "Für mich hat das keinen Unterschied gemacht. Ich kannte es nicht anders. Außerdem ist das Denken beim Einsatz sowieso ein kleines Stück weit eingeschränkt. Man ist voller Adrenalin und es kann lebenswichtig sein, dass man klare Anweisungen einfach befolgt. In dieser Hinsicht gab es also überhaupt keine Probleme. Eher dann, wenn ich ihn ab und zu zum Einsatz chauffiert habe." (Lacht.)

Werner Widmayer: "Ja. Da hab ich schon ab und an gesagt, dass wir nicht bei Knight-Rider sind." (Lacht ebenfalls.) "Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen. Diskussionen kann und darf es bei einem Einsatz nicht geben. Ich habe schon immer gesagt und Gott sei Dank wird das auch heute noch so gehandhabt: An der Einsatzstelle gibt es keine Diskussion. Natürlich läuft nicht alles rund und man muss reden, was man anders oder besser hätte machen können, aber nicht vor Ort. Nicht vor den Geschädigten oder den Betroffenen. Nachher, hier im Feuerwehrhaus, in aller Ruhe, kann man alles ansprechen."

"Gäubote": Andreas Widmayer, während Ihr Vater gesundheitlich seine Ehrenämter bei der Feuerwehr abgeben musste, kommen bei Ihnen weitere dazu. Sie sind nicht nur Mitglied der Einsatzabteilung und dort als Gruppenführer aktiv, sondern haben darüber hinaus auch andere "Geschäftle" übernommen.

Andreas Widmayer: "Das ist in den letzten Jahren nach und nach gewachsen. Ich unterstütze auf Landkreis-Ebene die Grund- und Truppführerausbildung. Da kommen zwar einige Dienste geballt zusammen, doch das macht mir Spaß. Wobei ich sagen muss, dass neben dem Einsatzdienst die Öffentlichkeitsarbeit schon die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Sei es die Einsatz- und Übungsberichterstattung, als auch die Arbeit im Hintergrund für Internet, Presse und Social Media. Aber es lohnt sich, dass wir das machen."

"Gäubote": Ist in Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, die Tagesverfügbarkeit aufrechtzuerhalten, die Öffentlichkeitsarbeit unerlässlich geworden?

Andreas Widmayer: "Wenn wir jetzt keine Werbung machen würden, würde es in etwa fünf Jahren einen Bruch geben. Noch ist es bei uns in Herrenberg nicht kritisch, aber man merkt landauf, landab, dass es weniger Leute werden. Die Arbeitszeiten werden länger, viele haben nebenher noch einen Job. Und wenn man dann etwas streichen muss, dann ist es eben das Ehrenamt. Sei es beim Fußballverein oder bei der Feuerwehr. Zumal man schon relativ viel Zeit dafür investieren muss."

"Gäubote": Kommen wir zum Werbeblock für die Feuerwehr. Sie haben es selbst gesagt, Sie und Ihre Kameraden investieren viel Freizeit. Sie riskieren Ihr Leben für andere, müssen immer wieder nachts aufstehen. Warum sollte man sich denn trotzdem für das Ehrenamt Feuerwehr entscheiden?

Werner Widmayer: "Wenn es immer heißt, um Menschenleben zu retten, dann ist das zu kurz gesprungen. Das müssen wir Gott sei Dank nicht allzu oft machen. Zur Feuerwehr geht man, weil man für andere etwas tun will. Weil man dort Leute kennenlernen kann, es die soziale Bildung fördert, was gerade bei den Jugendlichen ein wichtiger Aspekt ist. Klar kommt man nach einem Einsatz auch einmal heim und stinkt nach Rauch, aber das gehört eben dazu."

Andreas Widmayer: "Wie mein Vater schon gesagt hat: Man kann hier Anschluss finden. Man lernt Leute kennen, die ähnlich denken, wie man selbst. Auch wenn die wenigsten Einsätze toll sind, man meist dann gerufen wird, wenn jemand Leid erfahren hat, so tut es doch gut, wenn man helfen kann. Man bekommt eine gewisse Selbstsicherheit, erlebt die Kameradschaft, ist sportlich aktiv. Die Feuerwehr ist einfach ein gutes Gesamtpaket."

2016 09 14 An der Einsatzstelle gibt es keine Diskussion

Quelle:
Text: Gäubote - Sabine Haarer
Foto: Gäubote - Bäuerle