Auf die richtige Peilung kommt es an

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Floriansjünger gehen mit Forstrevierleiter Andreas Hank auf Erkundungstrip durch den Schönbuch

So eine traditionelle Waldausfahrt der Freiwilligen Feuerwehr Herrenberg ist nichts für Langschläfer. An so einem Sonntag muss man früh in die Puschen kommen.

Die Tour durch den Schönbuch beginnt um 7.30 Uhr in der Früh. Immerhin: Die Mannschaftstransportwagen werden an diesem Morgen voll. "Nachdem in den letzten Jahren die Teilnahme nicht mehr so stark war, haben wir im vergangenen Januar die Mitglieder befragt", verrät der kommissarische Kommandant der Kernstadt-Feuerwehr, Ralf Ruthardt. Jugendlicher, feuerwehrtechnischer soll die Spritztour werden, die es bereits gab, als die Gäustadt noch ohne Eingemeindungen dastand. Der Wunsch der Feuerwehrtruppe ist eine klare Ansage an den Chef im Herrenberger Stadtwald. Längere Vorträge über Holz und Naturschutz kann sich Andreas Hank also sparen.

Der Herrenberger Forstrevierleiter sorgt allerdings mit seinem gestellten Szenario für ordentlich Zunder und Adrenalin: "Im Wald brennt es. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde, komme aus Stuttgart, mache Geocaching, kann ihnen die genauen Daten von meinem Gerät geben", alarmiert Hank die Feuerwehr. Also her mit den Daten! Was folgt ist ein Kauderwelsch aus Gradzahlen, Kennziffern, ein regelrechter Koordinatenbandwurm. Da rauchen schon die ersten Köpfe, also ab ins Erkundungsfahrzeug mit Satellitennavigation, in Dateien abgelegten Messwerten mit geografischer Verknüpfung. Der Rest der Ausfahrtwilligen verkrümelt sich derweil in die drei Mannschaftstransportwagen.

Rettung verunglückter Menschen

Jetzt könnte es losgehen: Nichts regt sich. Lange nicht. "Schwätz mal mit dem Elektronikgerät ein Machtwort", macht Ralf Ruthardt seinen Mannen im Erkundungsfahrzeug über den Funk Beine. Also die Koordinaten nochmals in Navi gehauen - und auf einmal zockelt der Tross im Schlepptau des Gerätewagens los. "Das mit dem Dateneingeben geht halt nicht einfach so, braucht Zeit", weiß der Abteilungskommandant. Zwar gibt es im Schönbuch immer mal wieder Flächenfeuerchen oder Böschungsbrände, doch die Rettung von verunglückten Waldarbeitern oder Mountainbikern fällt mindestens genauso ins Gewicht wie die Brandbekämpfung. Nach kurzem Wendemanöver beim Waldfriedhof düst der kleine Lindwurm die Straße Richtung Hildrizhausen hinunter. "Eigentlich bräuchten wir die Karte mit den Rettungspunkten, die bei der Leitstelle in Böblingen hinterlegt ist. Alles andere hat keinen Wert", krittelt Ruthardt herum. "Die Feuerwehreinsatzkarte ist bekannt?", hakt Andreas Hank sicherheitshalber nach. "Ja, aber wir haben keine", ärgert sich Ruthardt, "Ich schon", schmunzelt Hank. Der motorisierte Tross kratzt die zackige Rechtskurve, auf Schotterwegen geht es immer tiefer in den Wald hinein. Irgendwo hier muss es brennen, zumindest laut Navi. Rumms, der Pulk kommt zum Stehen. Alle steigen aus den Fahrzeugen, so mancher wähnt sich im Niemandsland, doch man ist mitten in einem Gebiet, das auf den Namen "Brudergarten" hört. Bingo, das Navi hat recht, Punktlandung genau an der Stelle, deren Daten der Förster in seinem fingierten Notruf aus dem Sack ließ. Gleich um die Ecke dümpelt ein Tümpel im Dornröschenschlaf vor sich hin. Doch zum Feuerlöschen taugt das sumpfige Loch nicht. "Da ist zu viel Morast, Kresse drin, da können wir nichts mit anfangen, müssten wie die Bauern Vakuumfässer benutzen", grinst Ralf Ruthardt. Vakuumfässer? - "Na Güllefässer." Wasser marsch? Die Feuerwehr greift da lieber auf Tanklöschfahrzeuge zurück, die 5 000 Liter Wasser an Bord mit sich führen. In Jettingen hat man ein Fuhrwerk in der Hinterhand aus dem heraus zwei Kilometer Schlauch verlegt werden können. Zur Not hält schon mal ein geeignetes, öffentliches Gewässer zur Brandbekämpfung her, ein solches gibt es in der Nähe des Naturfreundehauses.

Weiter geht es durchs Mähdertal, die Lindach entlang, an der "Schafswäsche" vorbei, durch die einst Schafe zum Waschen getrieben wurden. Die Fahrzeugschlange mischt da mehr lauffreudige Frühsportler auf. Ganz schön schmal, diese Wege. Man glaubt es kaum, doch so ein Löschfahrzeug kommt da durch, dank Allradantrieb und Fahrerkünsten. Über die Neue Brücke peilen die Floriansjünger die Grillhütte in den Kayher Talwiesen an. Derweil plaudert der Chef aus dem Nähkästchen. "Die Leitstelle in Böblingen hat alle Helikopterlandepunkte", sagt der Abteilungskommandant. Dass es die gibt, ist mit dem Umstand zu verdanken, dass man mit Hubschraubern dem Eichenprozessionsspinner zu Leibe rückt. Apropos Kayher Talwiesen, Ruthardt wird da noch eine weniger lustige "Anekdote" los: "Früher haben wir bei der Grillhütte unseren Abschluss der Waldausfahrt gemacht - dann hat es aber mal in der Altstadt gebrannt". Seither brutzelt, grillt und trinkt die gesellige Runde zum Abschluss lieber beim Feuerwehrhaus.

Nahe den ehemaligen zwölf Buchen kommt richtiges Akte-X-Gefühl auf: Man steht vor einem Rätsel. In schöner Regelmäßigkeit kokeln dort immer an derselben Stelle kleine Feuer. Wirft jemand just hier seine Zigarette weg? Laufen Glasscherben heiß? Andreas Hank zuckt mit den Achseln. Grundsätzlich gilt: "Der Wald brennt meistens im Frühjahr. Im März, April, Mai da habe ich meine Waldbrände." Der Laie staunt. Doch gerade im Frühjahr ist die Bodenvegetation mitunter extrem trocken.

Über Stock und Stein, Wurzeln und Wellen, Schanzen, Schikanen und Steilkurven geht es die Serpentinen der neuen Downhill-Strecke hinunter, per pedes wohlgemerkt. Allerspätestens jetzt wird man putzmunter - ein falscher Schritt und man rutscht ab. Die Truppe nimmt den Mountainbike-Parcours, der unterhalb der Jahnhütte beginnt, unter die Lupe. Das macht Sinn, denn hier rettet die Feuerwehr, genauer gesagt, rückt im Notfall eine Spezialeinheit - die Absturzsicherungsgruppe - mit aus. Deren Rettungskräfte wissen mit handelsüblichem Bergsportmaterial umzugehen, hantieren mit Bergsteiggurten, Bandschlingen, Haken und Ösen, Seilzügen, Schleifkorbtragen. Denn: Ohne dieses Equipment sähe man bei einem "Personenschaden" auf der vertrackten Downhill-Strecke bergungstechnisch ziemlich alt aus.

2016 07 06 Auf die richtige Peilung kommt es an

Die Waldausfahrt der Freiwilligen Feuerwehr Herrenberg gibts schon seit Jahrzehnten

Quelle:
Text: Gäubote - Rüdiger Schwarz
Foto: Feuerwehr Herrenberg