Rauch darf nicht unterschätzt werden

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Die meisten Brandopfer verbrennen nicht - sondern sterben am giftigen Qualm

Feuerwehren rücken in Deutschland über 200 000 Mal im Jahr wegen Bränden aus, rund 600 Tote sind dabei jährlich zu beklagen, wobei 80 Prozent aller Brandopfer nicht verbrennen - sie ersticken am giftigen Rauch. Der "Gäubote" hat nachgefragt: Was macht Rauch so gefährlich, wie kann man sich davor schützen. Wie gehen Erstversorger und die Feuerwehren vor Ort mit Brandverletzungen und Rauchgasinhalationen um?

Der Rauch ist bei einem Brand das größte Problem für die Menschen in einem Gebäude, informiert der Kreisfeuerwehrverband Böblingen. Innerhalb von drei Minuten sinkt durch den entstehenden Rauch die Sichtweite so weit ab, dass betroffene Personen die Orientierung verlieren und sich nicht mehr in Sicherheit bringen können. Erschwerend hinzu komme die schnell zunehmende Konzentration des Gases Kohlenmonoxid: Diese steigt im Laufe des Brandes sprunghaft an und führt von Kopfschmerzen über Bewusstlosigkeit bis zum Tod. Außerdem kann es durch Hitzeeinwirkung auf den oberen Atemtrakt zu einem Inhalationstrauma kommen.

Doch was passiert bei einem Haus- oder Wohnungsbrand zunächst mit den Verletzten? "In Herrenberg ist der Rettungsdienst meist schon vor oder direkt nach der Feuerwehr vor Ort", erklärt Martin Bartholomä, stellvertretender Abteilungskommandant der Feuerwehrabteilung Herrenberg, er ist aber auch bei der Berufsfeuerwehr Stuttgart und beim Rettungsdienst. Eberhard Fiedler, ehemaliger, langjähriger Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Wildberg, betont: "Die Feuerwehr ist für das Technische zuständig, der Rettungsdienst für das Medizinische."

Der Notarzt sorgt dafür, dass eine Wunde steril und trocken abgedeckt ist und befördert den Patienten, falls nötig, in die nächstgelegene Klinik. Sollte der Rettungsdienst einmal später als die Feuerwehr eintreffen, so nimmt diese Basismaßnahmen vor: "Die Verletzung kühlen, die Klamotten wegmachen und den Körper warm halten", fasst es Bartholomä zusammen. Je nach Situation, den Verletzten in die stabile Seitenlage oder Schocklage bringen.

Bei Rauchgasinhalation sieht die medizinische Seite die Gabe von Sauerstoff vor. Bei schlechter Blutgasanalyse müsse eine intensiv-medizinische Beatmungstherapie erfolgen, erklärt Dr. Walther Wenzel, Bereichsleiter Unfall- und Wiederherstellungschirurgie im Krankenhaus Herrenberg, Klinikverbund Südwest. Für den Fall einer Rauchgasvergiftung - und sollte der Rettungsdienst doch einmal später kommen -, hält auch die Feuerwehr Sauerstoff parat und versorgt die Verletzten damit. Anzeichen für eine Rauchgasinhalation könnten versengte Augenlider, Ruß in den Schleimhäuten und ein Brennen hinter dem Brustbein sein, führt Bartholomä aus.

Bei ihren Einsätzen schützen sich die Feuerwehrleute selbst durch Atemgeräte und Schutzkleidung vor Rauch und Hitze. Dennoch sichert die Kleidung nicht unbegrenzt gegen die Wärme und sie hält nur kurz einer direkten Flammeneinwirkung stand. "Wenn sich Feuchtigkeit unter der Kleidung sammelt und diese durch Flammen schlagartig erhitzt wird, kommt es bei den Feuerwehrleuten eher zu Verbrühungen als zu Verbrennungen", erzählt Bartholomä. Letztendlich handle es sich jedoch in jedem Fall um eine thermische Einwirkung auf die Haut, die zu Verletzungen führe, erklärt Dr. Wenzel und zählt verschiedene Verbrennungsursachen auf. Mit 40 Prozent stehen an erster Stelle Verletzungen durch offene Flammen, gefolgt von Verbrühungen, die ungefähr 25 Prozent ausmachen. Zehn Prozent verletzten sich durch Explosionen, beispielsweise bei der Verpuffung von Klebstoffen oder Benzin und bei etwa sechs Prozent ist eine Stromverletzung die Ursache. Die Dunkelziffer sei jedoch hoch, da viele kleinere Verbrennungen und Verbrühungen ohne Arzt behandelt würden.

Um Personen bei einem Brand adäquat behandeln zu können, müssen sie erst aus dem Haus oder der Wohnung gebracht werden. Dafür ist die Feuerwehr zuständig. Diese besitze, wie Fiedler ausführt, Brandfluchthauben, um Bewohner durch verrauchte Bereiche nach draußen zu bringen oder Überdruckbelüftungsanlagen, die dafür sorgen, dass ein Fluchtweg rauchfrei wird.

"Rauch ist heiß, schwarz und giftig", bekräftigt Fiedler immer wieder. Wenn ein Mensch Rauch einatme, sei er noch die nächsten 24 Stunden vom Tode bedroht. Dr. Wenzel erläutert, dass die Ursachen für eine Rauchgasvergiftung die Belastung des Brandrauchs mit Zyaniden, Säuren, nitrosen Gasen, Ammoniak, Schwefeldioxid, Schwefelwasserstoff, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid sind. "80 Prozent aller Todesfälle bei Verbrennungen sind auf eine Rauchgasintoxikation zurückzuführen", erklärt er. Zusätzlich schädige die heiße Luft die Lunge und die Atemwege.

Die Feuerwehr warnt davor, den Rauch zu unterschätzen. "Bei einem Brand muss man alles dafür tun, keinen Rauch einzuatmen", mahnt Fiedler. Bei der Verbrennung von Bettfedern entstehe zum Beispiel Blausäure und wenn PVC verbrennt, entwickle sich dichter schwarzer Rauch, der Chlor enthalte. Beim Kontakt mit dem feuchten Mundraum könne Salzsäure freigesetzt werden.

Bartholomä rät davon ab, mit einem feuchten Tuch vor dem Mund durch verqualmte Bereiche zu fliehen. Da kämen immer noch zu viele Schadstoffe durch, vermutet er. "Wenn der Flur verraucht ist, darf man nicht denken, man könnte noch durchspringen. Vor Aufregung muss man viel zu schnell wieder Luft holen", erklärt der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Bondorf, Dieter Mast. "Lieber im Zimmer warten, Ritzen abdichten und das Fenster aufmachen", rät er. Wenn das alles nicht geht, könne man sich auch flach auf den Boden legen, denn die heißen Gase steigen nach oben.

Man dürfe nicht denken, nachts vom Rauchgeruch geweckt zu werden, mahnt Fiedler. Er lobt die eingeführte Rauchmelderpflicht. "Der vermeidet in den schwächsten Stunden, wenn man schläft, eine Rauchgasvergiftung."

2016 06 29 Rauch darf nicht unterschaetzt werden

Die Einsatzkräfte schützen sich mit Atemgeräten und Schutzkleidung vor dem gefährlichen Qualm.

 

Quelle:
Text: Gäubote - Anke Kumbier
Foto: Gäubote