Röhre erhitzt sich wie ein Backofen

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Feuerwehrkameraden sind bei einer Tunnelrettung ganz besonders gefordert

Ein Brand im Schönbuchtunnel und die Feuerwehr schaut zu. Diese Szene gab es letzte Woche in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zu beobachten. Eine einmalige Situation und nur möglich, weil es sich um einen Brandtest handelte. Im Ernstfall werden die Kameraden bei einem Tunnelbrand ganz besonders gefordert. Keine Sicht, hohe Temperaturen und lange Distanzen erschweren die ohnehin schon anstrengende Arbeit der Einsatzkräfte zusätzlich.

So mächtige Wolken hätte kein Kind malen können. Und wenn doch, hätte es zum Ausmalen garantiert nicht zum schwarzen Stift gegriffen. Was beim Brandtest in der vergangenen Woche unter der Decke des Schönbuchtunnels hing, beeindruckte nicht nur die übrigen Zuschauer, sondern auch so manchen gestandenen Feuerwehrmann. "Respekt", so der mehrstimmige Kommentar, als die vier Wannen mit der Wasser-Benzin-Mischung angezündet wurden und der Qualm in Sekundenschnelle die Decke einhüllte (der "Gäubote" berichtete). Die Zuschauermenge war froh, dass sie hinter der Feuerstelle stand und die Lüfter den Rauch weg und zum Tunnelportal in Richtung Stuttgart blies. Die Gruppe, die sich dort positioniert hatte, war jedoch ein wenig enttäuscht, dass sich die Wolken so schnell in Luft auflösten. 16 Kameraden der Wehren aus Herrenberg und Gültstein nutzten die Gelegenheit, um unter realen Bedingungen den Einsatz im Schönbuchtunnel zu üben.

Was bedeutet, dass sie allesamt mit einem Langzeitatemschutzgerät ausgestattet waren. Im Unterschied zu den "normalen" Geräten, schnallt man sich dabei zwei Atemluftflaschen auf den Rücken, die zudem auch noch ein größeres Fassungsvermögen haben. 6,8 Liter Atemluft passen in eine Flasche hinein, ein Einsatz über einen Zeitraum von mehr als 30 Minuten ist somit möglich. Damit das Gewicht trotzdem tragbar ist, sind die Compositflaschen aus Kohlefaser hergestellt. Nicht der einzige Unterschied: Anders als bei einem Zimmer- oder Gebäudebrand legen die Kameraden beim Vorrücken in den brennenden Tunnel keine Sicherungsleine aus. Zu zeitintensiv wäre das über die lange Distanz. Zu groß die Gefahr, dass sich nachrückende Trupps darin verheddern. Zudem bieten die Tunnelwände genug Orientierung. Anstatt der Tasche mit der Leine haben die Einsatzkräfte Beutel mit Brandfluchthauben an ihrem Gürtel hängen. Müssen Menschen aus dem Tunnel gerettet werden, bekommen sie die Hauben übergestülpt. Sie versorgen einen zwar nicht mit gepresster Atemluft, doch sie filtern die Umgebungsluft und verhindern so, dass tödliche Rauchgase eingeatmet werden.

Im Schlepptau sind zudem eine Halbschleiftrage und eine Schleifkorbtrage mit Rollen, mit denen Verletzte auch über längere Strecken hinweg in Sicherheit gebracht werden können. Eigens für die Tunnelrettung hat die Herrenberger Wehr zudem einen ganzen Satz Blitzleuchten und Blindenstöcke angeschafft. Letztgenannte dienen weniger zur Orientierung, sondern werden als Suchstöcke eingesetzt. Mit ihnen kann in Nischen, in den Räumen zwischen und unter verunfallten und verlassenen Autos nach Verletzten getastet werden. Denn im Normalfall wird bei einem Einsatz im Tunnel die Sicht länger gleich null sein, als es beim Brandtest in der vergangenen Woche der Fall war.

Im Normalfall stehen die Einsatzfahrzeuge auch nicht hübsch aufgereiht auf dem Standstreifen vor dem Tunnelportal, wenn das neu installierte Meldesystem Alarm schlägt. Im Ernstfall ruft die Integrierte Leitstelle in Böblingen die Kameraden zum Einsatz. Nach der derzeit noch gültigen Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) - eine weitaus umfassendere Version wird derzeit erarbeitet - werden die Wehren aus Herrenberg und Nufringen alarmiert: die beiden Portalwehren. Während die Kameraden aus Nufringen die Weströhre anfahren - also den Stollen, der in Fahrtrichtung Singen durchquert wird, geht es für die Herrenberger in die Oströhre. Die Zuteilung wurde nicht gelost, die Anfahrtsmöglichkeiten geben dieses Szenario vor. Denn die Nufringer fahren durch den Wald, über das "Klavierbrückle" und gelangen so unmittelbar vor dem Tunnelportal auf die Autobahn. Die Herrenberger wiederum müssen über den Sonnen- und Hasenplatz und aus der Stadt hinaus in Richtung Hildrizhausen. Der "Gänsbühl" ist für die Einsatzfahrzeuge freigegeben. Von dort aus geht es unter der Autobahn hindurch und direkt zum Portal der Oströhre.

Bildmaterial aus dem Tunnel

Der VRW, der Vorausrüstwagen, ist der Erste, der vom Hof fährt. An der Leitwarte, direkt unter der Autobahn gelegen, wird ein Zwischenstopp eingelegt. "Dort setzen wir den Zugführer ab", sagt Marc Langer. Seine Arbeit als hauptamtlicher Gerätewart der Gesamtwehr bringt es mit sich, dass er einer der Ersten ist, die tagsüber mit ausrücken. Darüber hinaus haben er und drei weitere Herrenberger Kameraden an der "International Fire Academy" (IFA) im schweizerischen Balsthal eine Fortbildung in Sachen Brandbekämpfung in Tunneln absolviert.

Der abgesetzte Zugführer übernimmt die Einsatzleitung. Anhand der Laufkarte, die in der Leitwarte ausliegt, kann er sich mit einem Blick über die baulichen Besonderheiten des Tunnels informieren. Was bei einem so "kurzen" Straßentunnel wie dem Schönbuchtunnel jedoch keine große Herausforderung darstellt. Anhand des Überwachungssystems hat er zusätzlich Einblick in den Tunnel, er kann das Bildmaterial vor- und zurückspulen und somit der Brandursache auf den Grund gehen und eine effektive Bekämpfung in die Wege leiten. Künftig ist der Zugführer vor Ort nicht mehr der Einzige, dem diese Möglichkeit zur Verfügung steht. Derzeit wird daran gearbeitet, dass die Daten auch direkt in die Zentrale der Herrenberger Feuerwache weitergeleitet werden und so die Einsatzkräfte vor Ort noch mehr Unterstützung bekommen.

Kleiner Wassertank an Bord

Nach dem Vorausrüstwagen rücken das Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF), der Einsatzleitwagen (ELW) und das Tanklöschfahrzeug (TLF) aus. Wie in jedem anderen Fall sind die Aufgaben vor Ort klar verteilt. Die beiden verbliebenen Kameraden im VRW fahren in den Tunnel ein, unter Atemschutz und mit einem kleinen Wassertank an Bord. Schaffen sie es bis zur Brandstelle, beginnen sie mit ersten Löscharbeiten, vor allem aber erkunden sie die Lage und sammeln wichtige Informationen für die nachkommenden Kameraden. Wie viele Fahrzeuge sind beteiligt? Brennt ein Auto, ein Lastwagen oder gar ein Reisebus? Sind Gefahrenstoffe in Brand geraten? Die nachkommenden Einsatzkräfte teilen sich auf. Die Löschstaffel, fünf Mann stark, hat ein primäres Ziel: "Löschen, um zu retten."

Blindenstöcke mit Blitzleuchten

Da die Tunneldecke verhindert, dass die Brandwärme nach oben entweichen kann, erhitzt sich der Stollen wie ein Backofen. "Die erste Aufgabe bei einem Tunnelbrand ist es deshalb, das Bauwerk zu kühlen", sagt Ralf Ruthardt, Abteilungskommandant der Herrenberger Wehr. Einerseits kommt dies der Sicherheit der Einsatzkräfte zugute, andererseits wird verhindert, dass der Stahlbeton an der Decke zu bröckeln anfängt oder gar die Statik des Gewölbes zum Problem wird. Die Kameraden gehen nach dem Prinzip "zwei Drittel, ein Drittel" vor, zu zwei Drittel wird das Bauwerk gekühlt, zu einem Drittel wird gelöscht. Das Wasser kann seit der jetzt abgeschlossenen Tunnelsanierung den Hydranten entnommen werden, die alle 150 Meter im Tunnel eingebaut sind. Eine Druckerhöhung garantiert, dass das Wasser nicht nur als Rinnsal aus dem Strahlrohr kommt, sondern dass bei einer Leistung von 1 200 Litern in der Minute neun Bar und bei 1 600 Litern in der Minute immer noch sechs Bar Fließdruck gewährleistet sind. Parallel zur Löschstaffel rückt die Such- und Rettungsstaffel in den Tunnel vor. Die fünf Mann reihen sich an einer Linie auf. Der Staffelführer übernimmt die Mitte und hat die Wärmebildkamera mit dabei. Bei den Zwei-Mann-Trupps rechts und links an der Tunnelwand kommen die Blindenstöcke zum Einsatz, alle miteinander sind sie mit Blitzleuchten ausgestattet. Sie sind im verrauchten Tunnel wichtige Hinweisgeber. Ein blaues Blitzlicht zeigt eine Wasserentnahmestelle an, ein grünes Licht den Fluchtstollen. In längeren Tunneln mit mehreren Rettungswegen kommen diese Leuchten häufiger zum Einsatz, im Schönbuchtunnel bleibt nur die eine Fluchttür. Das gelbe Blinklicht signalisiert den nachrückenden Kameraden zweierlei: Verletzte Person oder "bis hierhin haben wir den Tunnel abgesucht". Soll letztgenanntes Szenario angezeigt werden, wird jeweils eine Blitzleuchte am rechten und eine am linken Tunnelrand aufgestellt - und somit eine imaginäre Linie gezogen.

Beim Brandtest in der vergangenen Woche kamen "nur" die Blindenstöcke zum Einsatz. Lediglich eine kurze Wegstrecke konnten die Atemschutzträger zurücklegen, bevor die Lüfter ganze Arbeit leisteten und - aus Übungssicht gesehen "leider" - wieder klare Sichtverhältnisse herrschten. Künftig werden die Kameraden der Portalwehren also wieder auf Feldwegbrücken angewiesen sein, um die Einsatztaktik, das Löschen, Suchen und Bergen im brennenden Tunnel zu üben.

2016 06 01 Rhre erhitzt sich wie ein Backofen

Floriansjünger mit Atemschutz und "Blindenstock" im sanierten Schönbuchtunnel

Quelle:
Text: Gäubote - Sabine Haarer
Bild: Gäubote - Bäuerle