Nach dem Einsatz gehts im Anzug unter die Brause

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Der Umweltschutzzug rückt radioaktiven, biologischen und chemischen Gefahren zu Leibe

Während Erstklässler ihren ersten Abc-"Einsatz" meist kaum erwarten können, löst dieser bei den Kameraden der Feuerwehr eine erhöhte Alarmbereitschaft aus - und macht ein Ausrücken des Umweltschutzzuges (USZ) nötig. 29 Mitglieder aus Herrenberg, Affstätt und Mönchberg gehören dem USZ der Gäustadt derzeit an. Mit den Kameraden aus Böblingen und Dagersheim bilden sie den Umweltschutzzug Böblingen-Süd.

Gemeinsame Sache wird seit dem Jahr 2006 gemacht: Die Fußball-Weltmeisterschaft war seinerzeit der Auslöser. "Während der Spiele in Stuttgart mussten Leute gestellt werden, die im Falle eines Einsatzes hätten ausrücken können", sagt Michael Kegreiß, seit sechs Jahren Verantwortlicher des Herrenberger Umweltschutzzuges, kurz USZ, und zentraler Ansprechpartner für den ortsübergreifenden Verbund. Nicht beliebige Einsatzkräfte waren damals gefragt, sondern im Abc-Schutz geschulte Feuerwehrleute, die mit atomaren, biologischen und chemischen Gefahren umgehen können.

Damit trotz der Bereitstellung für die Landeshauptstadt die Wehren vor Ort im Ernstfall noch auf genügend Leute und Material hätten zurückgreifen können, nutzte man Synergien - und gründete im Vorfeld der Heim-WM den Umweltschutzzug Böblingen Süd. Während im Normalfall jeder für sich ausrückt, arbeiten die Züge aus Herrenberg und Böblingen bei größeren Einsätzen zusammen. Wobei in Herrenberg fünf Kameraden der Abteilungswehr aus Affstätt und ein Kamerad aus Mönchberg mit eingebunden sind. In Böblingen sind die Kameraden aus dem Dagersheimer Teilort mit dabei. Für das nördliche Pendant bilden die Einsatzkräfte der beiden anderen Großen Kreisstädte, Sindelfingen und Leonberg, eine gemeinsame Großeinheit.

An den ersten Einsatz des USZ Böblingen Süd kann sich Kegreiß noch gut erinnern. "In Böblingen kam es zu einer Reaktion zweier Stoffe in einem Fass", erzählt der Leiter der Herrenberger Umweltspezialisten. In der Folge explodierte das Fass und "1 000 Liter Suppe flossen in die Halle." Mit unbekannter Wirkung. Zwar haben die Einsatzkräfte zig Ordner voller Datenblätter, auf denen Seite für Seite alle Gefahrenstoffe, ihre Eigenschaften, ihre Brenntemperatur, ihre Reaktion mit Wasser oder den Schutzanzügen sowie nützliche Tipps zur Ersten Hilfe abgeheftet sind. Doch werden nur die jeweiligen Ausgangsstoffe aufgezählt und keine "wilden Mischungen". Der Einsatz verlief glimpflich, was nicht zuletzt den Übungen geschuldet ist, die für die USZ-Mitglieder, zusätzlich zu den üblichen Übungsdiensten, zehnmal im Jahr anstehen - dreimal im großen Verbund Böblingen Süd, siebenmal treffen sich die Herrenberger alleine. Die Szenarien spielen dabei in Betrieben oder auf freiem Feld, wenn dort ein Tanklaster "verunglückt" ist.

Die Erdung der Geräte ist wichtig
In den "Theorie"-Stunden trainieren die USZ-Spezialisten das Bedienen und Lesen der Messgeräte, das Interpretieren von Etiketten oder die Handhabung der Pumpen. Aber auch der Potenzialausgleich ist wichtig: Wie positioniere und erde ich die Geräte, so dass es nicht zu einer elektrostatischen Entladung kommt, die Gefahrenstoffe entzünden kann. Und, auch wenn es banal klingt, ist eines ganz wichtig: Die Einsatzkräfte üben das An- und Ausziehen ihrer Chemikalienvollschutzanzüge. "Jemand, der geübt ist, braucht vier Minuten dafür", sagt Andreas Widmayer, Pressesprecher der Herrenberger Gesamtwehr und seit etwas mehr als drei Jahren USZ-Mitglied. Dabei müssen aber zwei Paar Hände mit anpacken. Denn in den Schutzanzug, in den Stiefel und Handschuhe fest verschweißt sind, kommen die Feuerwehrleute schwer alleine hinein - und auf keinen Fall alleine wieder heraus. Zumal dann penibel darauf geachtet werden muss, dass man nicht mit der Außenseite des Anzuges in Berührung kommt. Um die vom schweißtreibenden Innenangriff zurückgekehrten Kameraden bestmöglich zu schützen, muss der Anzug aufwendig gereinigt werden. Sind die Herrenberger alleine unterwegs, greifen sie dafür auf eine umfunktionierte Gartenbrause und Bürsten zurück. Weitaus komfortabler gestalten die Kameraden aus Dagersheim mit ihrem Dekontaminationsfahrzeug die Prozedur. Dessen mitgeführte Duschanlage reinigt mit warmem Wasser - und ist eines der wichtigen Puzzleteile des USZ Böblingen Süd.

GW-Mess rückt als Erstes aus
Zentral für den ganzen Zug ist auch der Gerätewagen Messtechnik, kurz GW-Mess, aus Herrenberg. Besetzt mit einer Führungskraft und drei weiteren Einsatzkräften ist er das erste Fahrzeug, das das Gerätehaus im Jahnweg verlässt. Anders als der Herrenberger USZ, der im Schnitt "nur" alle zwei Jahre komplett ausrücken muss, und dem Zug Böblingen Süd, der nur alle paar Jahre zu einer Großschadenslage gerufen wird, ist der GW-Mess weitaus öfter im Einsatz. Immer dann, wenn es bei größeren Bränden gilt, die Umgebungsluft zu analysieren oder die Kollegen des Zuges Böblingen Nord im Einsatz zu unterstützen. Denn der Messwagen ist ein Katastrophenschutzfahrzeug und - ebenso wie das in Dagersheim stationierte Dekontaminationsfahrzeug - einzigartig im Landkreis Böblingen. Nach dem GW-Mess rollt der Wechselträger mit dem Abrollbehälter Umwelt vom Herrenberger Feuerwehrhof. Darin sind neben den sechs Schutzanzügen und Atemschutzgeräten auch Planen, Fässer, Dichtkissen, Holzkeile und anderes Abdichtmaterial verstaut. "Beim Umweltschutzzug gibt es eigentlich nichts von der Stange. Man muss viel improvisieren", sagt Kegreiß. Das ist auch mit ein Grund, warum er sich trotz einer Mehrbelastung und wenig Einsatzzeiten seit mehr als fünfzehn Jahren für die Sonderaufgabe begeistern kann.

Viele Betriebe, viele Gefahrenstoffe
Dass die Herrenberger Gesamtwehr um die Jahrtausendwende herum mit dem Aufbau eines Umweltschutzes begonnen hat, hat seinen Grund. "In unserem Einzugsgebiet gibt es mehr als 35 Betriebe, die mit entsprechendem Material arbeiten", sagt Andreas Widmayer. Das bedeutet, dass dort "mehr als 500 Liter Gefahrgut" zu finden sind. Angefangen von Kraftstoffen über Laugen und Gase bis zu reinem Alkohol. Hinzu kommen das Herrenberger Hallenbad, in dem Chlor eingesetzt wird, eine Biogasanlage, das Krankenhaus und Arztpraxen mit Röntgenapparaten. Nicht zu unterschätzen ist auch, was auf den Straßen unterwegs ist. "Jeden Tag fahren 8 000 Gefahrguttransporter durch den Kreis", weiß Widmayer. Wobei es sich bei einer Vielzahl "nur" um Tanklastzüge handelt, die den Jahresvorrat für den Öltank im Keller anliefern oder die Tankstelle um die Ecke mit Sprit versorgen. Das Abbinden von Ölspuren oder ausgelaufenem Kraftstoff können alle Einsatzkräfte übernehmen.

Ein Szenario, bei dem die USZ-Spezialisten zum Einsatz kamen, spielte sich im vergangenen September ab: Damals war die Herrenberger Wehr, unterstützt von den nachalarmierten Kameraden aus Böblingen und Dagersheim, drei Tage lang im Gültsteiner Gewerbegebiet gefordert. Beim Mischen von Kunstharzen hatte es eine chemische Reaktion gegeben, in der Folge waren Ammoniak und Kresole entstanden (der "Gäubote" berichtete). Ein Einsatz aus dem Jahr 2001 ist den Kameraden ebenfalls im Gedächtnis haften geblieben: Der Herrenberger USZ befand sich gerade im Aufbau, Michael Kegreiß hatte erst kurz zuvor den entsprechenden Lehrgang in der Landesfeuerwehrschule Bruchsal absolviert. Ausgelöst durch die Terror-Anschläge in New York, war die Bevölkerung besonders sensibilisiert, als die Leitstelle den Herrenbergern einen Milzbrand-Verdachtsfall meldete. "Beim Auspacken von Ware hatten Mitarbeiter in einem Karton weißes Pulver gefunden", erinnert sich Kegreiß noch allzu gut. Das Drumherum passte bestens ins Bild, die Ware kam aus dem Ausland - der USZ rückte aus.

Milzbrand-Erreger gefunden?
Doch als die Feuerwehrleute während der Anfahrt begannen, sich auf ihren Einsatz vorzubereiten, mussten sie erst einmal schlucken. "Das Desinfektionsmittel für die Schutzanzüge hatte eine Einwirkzeit von 35 Minuten." So lange hielten die üblichen Atemschutzgeräte für den Innenangriff gar nicht. Langzeitmodelle wiederum dürfen nicht in einem Chemikalienvollschutzanzug verwendet werden. Eine verzwickte Lage, die die Feuerwehrleute lösten, indem sie während der Einwirkzeit des Desinfektionsmittels einen zusätzlichen Atemschutzfilter einsetzten. "Das war wirklich Neuland für uns", schildert der Zugführer seinen ersten USZ-Einsatz. Heute kann Kegreiß locker auf den Einsatz zurückblicken - der Milzbrand-Verdacht bewahrheitete sich nicht. "Das weiße Pulver entpuppte sich als Styropor-Abrieb."

 

2016 05 18 Nach dem Einsatz gehts im Anzug unter die Brause

Sicher eingepackt und unter Atemschutz bekämpfen die Spezialisten radioaktive, biologische und chemische Stoffe

Quelle:
Text: Gäubote – Sabine Haarer
Bilder: Feuerwehr Herrenberg