Hubschrauber fliegen den Baggersee "Epple" an

Geschrieben von Andreas Widmayer

Kreis Böblingen: Die Waldbrandübung "Schönbuch 1983" war ein beeindruckendes Spektakel

So etwas hatte es im Ländle zuvor nicht gegeben - und auch danach nicht wieder. Am 1. Oktober 1983 fand im Schönbuch eine einzigartige Waldbrandübung statt: Mehr als 1 300 Helfer waren an diesem Samstag gefordert. Einsatzkräfte aller Blaulichtfraktionen aus vier Landkreisen und zwei Regierungsbezirken, dazu deutsche, französische und amerikanische Streitkräfte. Die Fäden liefen damals beim baden-württembergischen Innenministerium zusammen.

"Eine Feuerwand züngelt meterhoch aus einer Lichtung empor. Rauch und Qualm steigen in den vernebelten Morgenhimmel. Ein Geräusch aus der Ferne wird rasch lauter: Mit donnernden Rotoren, aufgeblendeten Scheinwerfern und erst im letzten Augenblick sichtbar durchdringen riesige Helikopter den Dunst." Was sich liest wie die Szene eines Katastrophenfilms made in Hollywood ist der Beginn eines Zeitungsartikels, der am 3. Oktober 1983 abgedruckt wurde und der eine der Situationen beschreibt, die sich zwei Tage zuvor gleich dutzendfach im Naturpark Schönbuch zugetragen haben. Am 1. Oktober nämlich fand dort die größte Feuerwehrübung des Landes Baden-Württemberg statt. Allein die Zahlen zeigen das Ausmaß des Spektakels: 1 300 Einsatzkräfte, 250 Fahrzeuge und zehn Hubschrauber wurden eingesetzt, um zwölf Brandstellen zu löschen. Von einer "Übung der Superlative" war die Rede, Initiator und Organisator war das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg.

Verheerende Feuer
Anlass für die großangelegte Übung im Naturpark Schönbuch waren zwei vorangegangene Waldbrände. Im Jahr 1975 hatten die Kameraden in Niedersachsen mit verheerenden Feuern zu kämpfen, einige Aktive aus Herrenberg und anderen Kreiswehren leisteten damals "Überlandhilfe". Nur zwei Jahre später brannte bei Mannheim der Wald. Darüber hinaus gab es in den Folgejahren eine Vielzahl von kleineren Waldbränden. In der Berichterstattung zur Großübung werden aus der Landesstatistik Zahlen genannt: So wurden für das Jahr 1981 allein in Baden-Württemberg 99 Waldbrände gemeldet, siebzig Hektar Wald fielen den Flammen zum Opfer. Von den Auswirkungen für die Umwelt abgesehen entstand ein Sachschaden von weit über 300 000 Mark. "60 Prozent der Brände waren auf Brandstiftung zurückzuführen", so ist den alten Unterlagen zu entnehmen.

Alles zusammengenommen führte dazu, dass die Landesregierung zahlreiche Maßnahmen ergriff. Unter anderem wurde die Anschaffung von Tanklöschfahrzeugen mit Allradantrieb besonders bezuschusst, ein landeseinheitlicher Funkrufnamenplan wurde eingeführt, die Feuerwehren mit Meldeempfängern, Feststationen und Handsprechfunkgeräten ausgestattet. Man richtete ständig besetzte Leitstellen und zusätzlich Luftbeobachtungsstationen ein, erarbeitete ein Gesamtkonzept zur Waldbrandbekämpfung und schaffte Löschwasser-Außenlastbehälter für Hubschrauber an. Einer von vier Stützpunkten war Böblingen. Bei der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr standen zwei Behälter, jeder mit einem Fassungsvermögen von 5 000 Liter, bereit. Die neu angeschafften Fahrzeuge und Wasserbehälter, ebenso wie die neu erarbeiteten Konzepte und Maßnahmenkataloge wurden bei der Übung am 1. Oktober 1983 einem Härtetest der besonderen Art unterzogen. Ziele der Übung "Schönbuch 1983" waren unter anderen, "die Löschwasserversorgung, die Löschwasserentnahmestellen, die Löschwasserförderung über lange Wegstrecken, den Pendelverkehr von Tanklöschfahrzeugen, das Freimachen von Waldwegen, das Einrichten von Bereitstellungsräumen und Lotsenstellen zu überprüfen".

Die Einsatzleitung übernahm Landesbranddirektor Heinz Schäfer. Die Kreisbrandmeister der Landkreise Böblingen, Tübingen, Esslingen und Reutlingen waren für einzelne Einsatzabschnitte zuständig. Kurt Ehmann, der Böblinger Kreisbrandmeister, war im Westen eingeteilt, kümmerte sich um die Distrikte "Hahnenbühl", "Streitweg", "Saufang" und "Banwald".

Vom erstgenannten Forstdistrikt, auf Hildrizhausener Gemarkung gelegen, wurde der erste Brand gemeldet. Der Notruf ging am frühen Samstag ein, genauer gesagt um 6.30 Uhr. Die Annahme: Ein Autofahrer entdeckte das Feuer und wählte die 112. "Auf einer Windwurffläche brennen große Reisighaufen und drohen die angrenzenden Waldgebiete ebenfalls in Brand zu setzen", so das Szenario, mit dem man in die Großübung startete. Die nächste Brandstelle lag im Gewann "Streitweg" im Herrenberger Stadtwald, ein Übergreifen auf die Bereiche "Birnbaum" und "24 Buchen" wurde befürchtet. Ganz allgemein wurde die Übungsfläche im Erfahrungsbericht folgendermaßen verortet: "Besonders betroffen sind der Herrenberger Stadtwald und nördlich davon die Bereiche an der B 464 und B 27 sowie der Betzenberg im östlichen Schönbuch."

Der Einsatz- und die Abschnittsleiter waren bei der Koordinierung gefordert, auf die Einsatzkräfte wartete eine Herkulesaufgabe. Zumal sich die "großflächigen Schadensgebiete" keineswegs nur am Waldrand befanden. Bevor zum ersten Mal ein "Wasser marsch" zu hören war, mussten kilometerlange Schlauchleitungen verlegt werden. Das Material dazu musste, oft in schweißtreibender Handarbeit und allein mit Muskelkraft, an Ort und Stelle gebracht werden - gerade an den steileren Abschnitten des Schönbuchrandes wahrlich kein Zuckerschlecken.

Zehn Hubschrauber im Einsatz
Neben 250 Einsatzfahrzeugen aller Blaulichtfraktionen waren an diesem Vormittag auch zehn Hubschrauber im Einsatz, geflogen von Piloten der Polizei und der Bundeswehr, von Mitgliedern der amerikanischen und der französischen Streitkräfte. "Aus Zeitersparnis- und aus Sicherheitsgründen" verzichtete man darauf, die "normalen Anforderungszeiten durchzuspielen". Die Hubschrauber waren direkt einsatzbereit, vorab hatte man schon festgelegt, dass sie den Baggersee bei Kirchentellinsfurt zur Wasserentnahme anfliegen sollen.

Knapp zwei Stunden, nachdem die Meldung der ersten Brandstelle eingegangen war, traf man die fiktive Entscheidung über den Einsatz der fliegenden Wasserträger. Wenig später wurde es laut am Baggersee "Epple" und den Zuschauern, darunter auch hochrangige Vertreter der Politik und der Feuerwehren aus den angrenzenden Landkreisen, wurde einiges geboten. Im Zehnminutentakt flogen die Hubschrauber - unter anderem mittlere Transporthubschrauber (MTH) vom Typ CH 53 und CH 47, aber auch leichtere Modelle wie SA 300 Puma, UH 1D und Bell 212 - den See an und füllten die Transportbehälter. Die Tanks hatten, je nach Größe, ein Fassungsvermögen zwischen 900 und 5 000 Liter Wasser. 25 Mal wiederholte sich das sehenswerte Spektakel, das Wasser wurde über verschiedenen Einsatzstellen abgeworfen. Allein der Einsatz der Hubschrauber schlug in der Schlussabrechnung mit mehr als 30 000 Mark zu Buche, für die Waldbrandübung "Schönbuch 1983" investierte das Innenministerium nach eigenen Angaben knapp 219 000 Mark.

Nicht richtig treffsicher
Mit dem Ergebnis der Übung war man größtenteils zufrieden, wie dem Erfahrungsbericht zu entnehmen ist. "Die Waldbrandübung Schönbuch 1983 hat gezeigt, dass auch Waldbrände dieser Größenordnung beherrschbar sind", so das Fazit des 98 Seiten umfassenden Berichtes. "Die Übungsziele wurden erreicht und der Verlauf der Übung kann als gut bezeichnet werden." Das Zusammenspiel aller beteiligten Einsatzkräfte klappte, vor allem die bei der Brandbekämpfung besonders geforderten Kameraden der freiwilligen Feuerwehren konnten punkten: "Es kann festgestellt werden, dass die Feuerwehren unter Beweis stellen konnten, dass sie aufgrund ihrer Ausstattung und Ausbildung in der Lage sind, auch Waldbrände größeren Ausmaßes erfolgreich zu bekämpfen", so die etwas sperrige Formulierung.

Trotz allem: Eine "Schönwetterübung", um den damaligen Staatssekretär im Innenministerium Baden-Württemberg, Robert Ruder, zu zitieren, war es auf keinen Fall. Es gab den ein oder anderen bemerkenswerten Zwischenfall. Dass es Schwierigkeiten bei der Funkverbindung gab und nicht immer genug Druck auf den Wasserleitungen war, waren dabei noch die kleinsten Probleme. Und auch, dass die Piloten mehr die Übungsteilnehmer mit Wasser bespritzten, als eine der zwölf Brandflächen punktgenau zu treffen, brachte diesen von den anderen Übungsteilnehmern zwar einige Häme ein, war aber zu verschmerzen. Zumal an diesem Tag Hochnebel über dem Schönbuch lag und den Piloten die Sicht auf den Waldboden erschwerte.

Weitaus schwerwiegender war, dass einer der eingesetzten Hubschrauber einen unfreiwilligen Abwurf hatte. Kurz nachdem die Bundeswehrmaschine vom Typ "CH 53" ihren Löschwasserbehälter im Baggersee von "Kfurt" befüllt hatte, "verlor" er das 5 000 Liter fassende Gefäß. Der Tank, der mit einem Drahtseil am Rumpf des Hubschraubers befestigt war, krachte bei der Domäne "Einsiedel", nördlich des Sees gelegen, in ein Feld. Während die Kameraden der Feuerwehr seinerzeit vermuteten, der Behälter sei "irrtümlich ausgeklinkt worden", gab die Besatzung des Hubschraubers einen Defekt im Ausklinkmechanismus an. Beim Absturz des Wasserbehälters kam niemand zu Schaden. Weitaus weniger Glück hatten drei Feuerwehrleute, die an der Übung beteiligt waren. Zwei von ihnen erlitten, beim Hantieren mit Rauchpatronen, Rauchvergiftungen. Ein dritter Kamerad verletzte sich mit der Motorsäge, er musste aber nur ambulant behandelt werden.

2016 05 11 Hubschrauber fliegen den Baggersee Epple an

Quelle:
Text: Gäubote – Sabine Haarer
Bilder: Archiv Gäubote und Brandhilfe/Larsen, Marquardt