Auf der Suche nach der Ursache eines Feuers

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Die polizeiliche Brandermittlung erinnert ein bisschen an ein Puzzlespiel

Ein Blitzeinschlag? Ein Kurzschluss des Fernsehers? Ein nicht ausgeschalteter Herd? Zündeleien - aus Freude am Feuer oder um die Versicherungssumme abkassieren zu können? Es gibt viele Ursachen, aus denen die Kameraden der Feuerwehr zur Brandbekämpfung ausrücken müssen. Und mit ihnen die Kollegen der anderen Blaulichtfraktion, der Polizei. Denn deren Aufgabe ist es, Antworten zu finden. Antworten auf die Fragen nach der Ursache eines Brandes.

Ihre Arbeit erinnert nicht nur ein bisschen an ein Puzzlespiel. Stück für Stück werden Informationen zusammengetragen. Mittels Spurensuche am Brandort, mittels Zeugenbefragung. Erstes wird von den Kollegen der Kriminaltechnik übernommen, Zweites von den Beamten der Kriminalinspektion. Im Fall der Böblinger Kriminalpolizei, seit der Reform Teil des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, wird die Kriminaltechnik von Kriminalhauptkommissar Ulrich Koch geleitet, Kriminaloberrat Volker Zaiß ist Leiter der für Branddelikte zuständigen Kriminalinspektion.

In objektive und subjektive Ermittlung unterscheiden die beiden Brandexperten ihre Aufgabengebiete. Wobei die Trennung kein Alleinstellungsmerkmal bei der Brandursachenermittlung ist, auch bei einem Einbruch oder bei einem Tötungsdelikt sind Spurensuche und -sicherung und Zeugenbefragung zwei Paar Schuhe. Zwei Paare, die eng und untrennbar miteinander verknüpft sind, um im Bild zu bleiben. Das eine ohne das andere würde in den seltensten Fällen zu einem Ergebnis führen.

Wird ein Feuer gemeldet, wird nicht nur die Feuerwehr umgehend alarmiert, sondern auch die Polizei. Zum einen, um den Einsatzort abzusichern und den Verkehr zu regeln. Sofern beides nötig ist. Zum anderen aber auch, um unmittelbar mit den Ermittlungen beginnen zu können. Mitunter können diese recht schnell abgeschlossen werden. Gibt jemand offen zu, den Kochtopf auf dem Herd vergessen zu haben, während er am Telefon geplaudert hat, bleibt für die Beamten nicht mehr viel zu tun. Ähnliches gilt für "natürliche Ursachen". Zu denen zählt beispielsweise ein Blitzschlag. Auch ohne den meist gut hörbaren "Knall" ist dieser eher leicht zu ermitteln. Oft genügt ein Blick gen Himmel. Selbst wenn es sich um ein lokales und schnell verzogenes "Donnerwetter" gehandelt hat, bekommen die Beamten durch einen Anruf beim zentralen Blitzanzeigerdienst die entsprechende Auskunft. Und: "Häufig brennt nur der Dachstuhl", nennt Ulrich Koch ein weiteres, untrügliches Indiz für einen Blitzeinschlag.

Neben der "natürlichen" gibt es drei weitere Brandursachen, die zur Kategorisierung herangezogen werden. Die sächliche und die technische Ursache. Im Vergleich zu der Zeit von vor 30 oder 40 Jahren ist die Zahl der sächlichen Brandursachen jedoch stark zurückgegangen. Aus einem einfachen Grund: "Heute wird kaum mehr Heu in Scheunen eingelagert", sagt Volker Zaiß. Das natürliche Futtermittel, zu großen Rundballen gepresst, wird im Freien - oft sogar direkt auf der Wiese - gelagert. Noch in den 1980er und 90er Jahren aber kam es nach der Heuernte immer wieder zu Selbstentzündung und somit zu großen Scheunenbränden. Heute ist es eher Leinöl, das zu Selbstentzündungen führen kann. Pinsel, die nach der Streichaktion in Baumwolltücher eingeschlagen werden, können verheerende Folgen nach sich ziehen.

Weitaus häufiger aber ist die Technik Brandursache. "Gerade hier bei uns im industriellen Ballungsraum wird es mehr", weiß Volker Zaiß aus langjähriger Erfahrung. Doch er relativiert: "Im Vergleich zu dem, wie viele Geräte tagtäglich eingesetzt werden, brennt es wirklich selten." Bleibt außerdem noch die Brandstiftung. Wobei diese in den meisten Fällen auf Fahrlässigkeit zurückzuführen ist. Der vergessene Topf auf dem Herd ist das beste Beispiel dafür. Ebenso wie der Adventskranz in der Vorweihnachtszeit, der unsachmäßig beheizte Schwedenofen oder die brennende Zigarettenkippe, die beim spontanen Nickerchen auf dem Sofa eine fatale Wirkung entfalten kann. "Nur in knapp 20 Prozent der Fälle ist die Brandstiftung vorsätzlich", so die Einschätzung von Volker Zaiß.

Zu Beginn ihrer Ermittlungsarbeit ist die Frage nach dem "Wer?" die entscheidende. Wer hat den Brand entdeckt? "Derjenige kann uns vielleicht sagen, wo der Brand ausgebrochen ist", sagt Volker Zaiß. War das Feuer zunächst nur hinter den Fenstern im Erdgeschoss zu sehen, oder gar nur im Zimmer links von der Haustüre, wissen die Ermittler gleich von Anfang an, auf welchen Bereich sie sich bei ihrer Arbeit konzentrieren müssen. Immens wichtig sind auch die Beobachtungen der Feuerwehrleute, die als Erste am Brandort eingetroffen sind. "Von ihnen bekommen wir meist die erste fachliche Aussage", weist Ulrich Koch auf die wichtige Zusammenarbeit der beiden Blaulichtfraktionen hin. Eine Zusammenarbeit, die in den letzten Jahren spürbar ausgebaut und verbessert wurde. Was nötig war, was vor allem aber wichtig war. Denn: Um die Arbeit der Kriminalpolizei zu unterstützen, müssen die Kameraden der Feuerwehr oftmals einen Spagat hinlegen. Sie müssen einerseits sicherstellen, dass das Feuer gelöscht ist - und auch nicht wieder ausbricht. Andererseits ist es für die ermittelnden Beamten hilfreich, wenn am Brandort möglichst wenig zerstört wird, was als Beweismaterial dienen könnte. "Wenn es nicht unbedingt notwendig ist, sollte man die Wände stehen lassen und nicht einfach einreißen", nennt Volker Zaiß ein konkretes Beispiel.

Neben der klassischen Befragung von Zeugen und Feuerwehrleuten ist bei der Ermittlungsarbeit im Laufe der letzten Jahre ein weiterer Baustein dazugekommen. "Es sind heute unheimlich viele Medien auf der Straße", sagt Volker Zaiß und er meint damit weniger die Vertreter von Zeitungen, Radio- oder Fernsehsendern, sondern Leute mit ihren Handys. Dass Passanten und Nachbarn Fotos und Filmaufnahmen machen, gehört dazu. Die Aufnahmen, die dabei entstehen, können ebenfalls Antworten liefern auf die zentralen Fragen der Polizei.

Während die Ermittler ihre Arbeit "draußen" verrichten, geht es für die Kriminaltechniker mitten hinein. Ist der Brandort durch die Feuerwehr - und oftmals auch durch einen Statiker - freigegeben, beginnt für sie die Arbeit. Wobei die Brandzeit vorgibt, wie ergiebig diese ist. Wie so oft ist auch bei der polizeilichen Brandermittlung die Zeit ein alles entscheidender Faktor. "Je länger es brennt, desto weniger können wir herausfinden", bringt es Ulrich Koch auf einen einfachen Nenner. Setzt ein Vollbrand einer Wohnung länger als eine halbe Stunde zu, ist dort für die Techniker kaum noch etwas zu holen. Und das nicht nur im übertragenen Sinn. "In der Anfangsphase eines Brandes fällt viel Brandschutt herunter und deckt das Darunterliegende ab." Das später dann Aufschluss geben kann über die Ursache für den Brand. Können die Flammen nicht schnell genug gelöscht werden, sind aber auch die Spuren unter dem Schutt nur noch wenig verwertbar.

Bei ihrer Suche orientieren sich die Beamten der "Spusi" an den Informationen, die die Kollegen der Kriminalinspektion schon gesammelt haben. "Wenn der Zeuge gesagt hat, dass nur im linken Zimmer Feuer zu sehen war und der Feuerwehrmann vom ersten Löschtruppe sagt, es hat hinten rechts in der Ecke gebrannt, als er reinkam, dann suchen wir dort", nennt Ulrich Koch ein einfaches Beispiel. Werden dort die Überreste eines Fernsehers gefunden, werden diese eingesammelt und ins Landeskriminaltechnische Institut nach Stuttgart geschickt und dort von Experten und Sachverständigen analysiert. Kann der Verdacht auf Brandstiftung nicht ausgeschlossen werden, fordern die Techniker die Hundeführer an. Legen sich die eigens ausgebildeten Vierbeiner an einer, oder mehrere Stellen, ab, so wissen die Beamten, dass sie dort - genau auf Nasenhöhe des Spürhundes - Brandbeschleuniger finden werden.

Um die Tatsache, dass die Hunde Kunststoffschuhe tragen, und die Kriminaltechniker Overalls, ranken sich viele Mythen, wie Ulrich Koch weiß. Und er räumt mit dem meist verbreiteten auf: Füßlinge und Schutzanzug sind nicht dafür da, keine Spuren an den Brandort einzutragen. "Er ist in erster Linie zu unserem Schutz da", sagt der Leiter der Kriminaltechnik. Gleiches gilt für Helm, Sicherheitsschuhe und Atemschutz. "Man darf die giftigen Dämpfe nicht unterschätzen", so der Beamte. Überhaupt sei die Brandermittlung mitunter ein "recht dreckiges Geschäft". Aber eines, das niemals langweilig werde. "Jeder Fall ist anders gelagert", sagen Ulrich Koch und Volker Zaiß unisono. Deshalb ist die Erfahrung, neben dem Wissen, das sich die Beamten auf unzähligen Lehrgängen und Fortbildungen aneignen, das entscheidende Kriterium bei der Brandermittlung. "Man muss viele Brandorte gesehen haben, bevor man ein Gespür für die Ursache bekommt", sagt Ulrich Koch.

Quelle:
Text: Gäubote – Sabine Haarer

 

2016 04 20 Auf der Suche nach der Ursache eines Feuers

Nach dem nächtlichen Feuer im alten Herrenberger Freibad vor rund einem Jahr wurden die Brandermittler aktiv