Den Menschen zu helfen, ist eine Motivation

Geschrieben von Andreas Widmayer

Oberjesingen: Riza und Melike Sülük gehören zu den wenigen Feuerwehrmitgliedern mit Migrationshintergrund

Sie ist Feuerwehrfrau, er Oberfeuerwehrmann. Sie ist 19 Jahre alt, er 50. Auf den ersten Blick scheinen die beiden wie jedes andere Tochter-Vater-Gespann, das sich bei einer freiwilligen Feuerwehr engagiert. Aber Melike und Riza Sülük sind etwas "Besonderes". Nicht, das sie selbst das so sehen - oder ihre Kameraden bei der Abteilungswehr in Oberjesingen. Die "Besonderheit" gründet auf dem Migrationshintergrund, den die beiden haben.

Riza Sülük kommt direkt von der Baustelle im eigenen Keller. "S gibt emmer was zom doa", kommentiert er lachend die Sprengel auf seinem Gesicht und die weitaus größere Portion Farbe, die an seinen Händen klebt - und beginnt zu erzählen. Davon, dass er bereits als Jugendlicher fasziniert war von der Feuerwehr. "Wir haben in der Nähe des Feuerwehrhauses gewohnt", erinnert er sich an Kindheit und Jugendzeit in Döffingen zurück. Wenn in der direkten Nachbarschaft das geordnete Chaos losbrach, weil die Kameraden zum Einsatz ausrückten, bekam das Riza Sülük meist direkt mit. Da verwundert es kaum, dass er - kaum hatte er seinen 18. Geburtstag gefeiert - gemeinsam mit den Kumpels aus dem Flecken Mitglied der freiwilligen Feuerwehr werden wollte. Ein Wunsch, der seinerzeit unerfüllt blieb. Aus einem einfachen Grund: "Ich hatte damals noch keinen deutschen Pass", so die Erklärung des heute 50-Jährigen für das Nein damals.

Denn Riza Sülük hat einen Migrationshintergrund, so die offizielle Sprechweise. Er selbst drückt es einfacher aus: "Ich komme aus der Türkei." Aus Anatolien, um genau zu sein. Gerade einmal fünf Jahre alt war er, als seine Eltern mit ihm nach Deutschland gingen. "Seit 1971 sind wir in Baden-Württemberg." Hier wächst er auf, geht er zur Schule, hat er Freunde, will er zur Feuerwehr gehen. Warum? "Es hat mich einfach gereizt", sagt Riza Sülük. Natürlich hat die technische Komponente eine Rolle gespielt, aber nicht nur. "Wenn man den Leuten helfen kann, dann ist das die beste Menschentat", nennt er den Hauptgrund. Dazu kommt die soziale Komponente. "Man kann Kontakte knüpfen", bringt er es auf einen einfachen Nenner. Und er hat dabei weniger seine türkischen Wurzeln im Hinterkopf. Integration sei für jeden wichtig, der irgendwo neu anfängt.

So wie Riza Sülük im Jahr 2000. In Oberjesingen bauten er und seine Familie ein Haus. Und plötzlich war auch die Feuerwehr wieder ein brandheißes Thema für ihn. Die Einbürgerung im Jahr 1998 machte es möglich. Von seinem Nachbarn wurde Riza Sülük angesprochen, ein aktiver Feuerwehrkamerad in der Abteilungswehr - der dann auch gleich den Kontakt zu Kommandant Markus Reich und seinem Stellvertreter Holger Nüßle suchte. Die beiden luden Riza Sülük zu einem Gespräch ein, fühlten ihm ein wenig auf den Zahn, fragten ihn nach seiner Motivation. "So wie wir das bei jedem machen, der zu uns in die Feuerwehr möchte", sagt Holger Nüßle. Dass Riza Sülük einen Migrationshintergrund hat, sei "nie ein Thema gewesen". Nicht für die beiden Kommandanten. Nicht für den Ausschuss, der über eine Neuaufnahme entscheidet. Nicht für die Kameraden der Oberjesinger Wehr, in die Riza Sülük zu Beginn des Jahres 2010 per Handschlag aufgenommen wurde.

Und drei Jahre später seine Tochter Melike. "Wir sind so erzogen worden, dass wir uns sozial engagieren sollen", erinnert sich Melike an ihre noch nicht so lange zurückliegende Kindheit. Da sie in der Schule Biologie, und hier vor allem der menschliche Körper, sehr interessierte, liebäugelte die heute 19-Jährige kurz mit einer Mitgliedschaft im Roten Kreuz. Doch sie hat sich anders entschieden. Nicht gegen die Ersthelfer der anderen Blaulichtfraktion, sondern vielmehr für die Feuerwehr. "Durch meinen Vater kannte ich hier eh schon alle", begründet sie ihre Entscheidung. Bei den Veranstaltungen war sie schon als Kind dabei. Trafen sich die Kameraden beispielsweise zum gemeinsamen Fußballschauen, war sie ebenfalls mit von der Partie. "Es war einfach alles total familiär." Und Melike Sülük war Teil dieser Gemeinschaft - der Schritt, der Wehr beizutreten, für sie die logische Folge. Zumal die Erste Hilfe ein fester Bestandteil der Feuerwehrarbeit und -ausbildung ist und sie somit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte.

"Eigentlich wollte ich schon zur Jugendfeuerwehr", geht Melike Sülük einen Schritt weiter in ihrem Werdegang. "Aber am gleichen Tag war auch mein Volleyballtraining." Die Oberjesingerin entschied sich für den Sport - und somit für einen späteren Einstieg bei den Floriansjüngern. Für den direkten Einstieg in der Einsatzabteilung. Wobei "direkt" nicht ganz stimmt. "Es gibt die Möglichkeit, schon mit 17 Jahren zur Einsatzabteilung zu kommen", sagt Holger Nüßle. Als "Volontärin" bekam Melike Sülük einen erfahrenen Kameraden als Ansprechpartner zur Seite gestellt und sie wurde zu den Übungsdiensten eingeladen. Bei Einsätzen wurde sie aber nicht mit alarmiert. Das ist erst möglich, seit sie 18 ist und - das entscheidende Kriterium - seit sie die Grundausbildung erfolgreich absolviert hat.

An ihren ersten Einsatz kann sich Melike Sülük noch genau erinnern: Bei wildem Schneetreiben ging es in Richtung Oberjesinger Wald, die Suche nach einer verunfallten Spaziergängerin wurde aufgrund widersprüchlicher Ortsangaben zum unfreiwilligen Abenteuer.

Dass sie als Frau zur Feuerwehr gegangen ist, zudem als erste Frau in der Oberjesinger Wehr, das war für Melike Sülük selbst nie ein Thema. Die Kollegen bei der Arbeit - sie steckt gerade mitten in ihrer Ausbildung bei einer Bank - zeigten sich aber überrascht. "Als ich bei der Weihnachtsfeier erzählt habe, dass ich bei der Feuerwehr bin, haben einige schon komisch geschaut", lacht die 19-Jährige. Davon abgesehen, waren die Reaktionen aber allesamt positiv. "Viele hatten Interesse und haben Fragen gestellt." Gleiches gilt für ihre Freunde. "Eigentlich finden es alle cool, dass ich das mache." Doch "anstecken" ließ sich noch niemand. "Selbst wollen sie aber nicht zur Feuerwehr gehen", so die Erfahrungen der Feuerwehrfrau.

Gleiches gilt für viele Mitbürger mit Migrationshintergrund. Zwar gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Feuerwehrkameraden einen Migrationshintergrund haben. Weder auf Kreis- noch auf Landesebene. Gerd Zimmermann, Pressesprecher des Kreisfeuerwehrverbandes Böblingen und Willi Dongus, Geschäftsführer des übergeordneten Landesverbandes müssen auf eine entsprechende "Gäubote"-Nachfrage passen. Und auch auf Bundesebene gibt es keine Statistik. Schätzungen gehen aber davon aus, dass knapp ein Prozent der Feuerwehrkameraden einen Migrationshintergrund haben. "Nur" muss man sagen. Woran es liegt, dass sich so wenige Migranten einer (freiwilligen) Feuerwehr anschließen, darüber kann auch Riza Sülük nur spekulieren. "Vielleicht, weil sie es aus ihren Heimatländern nicht kennen", vermutet er. Bei ihm jedenfalls war es so. "Dass jemand ehrenamtlich bei der Feuerwehr mitmacht, das gibt es in der Türkei nicht", sagt der 50-Jährige. Dafür gibt es flächendeckend hauptamtliche Einsatzkräfte. Wobei diese zahlenmäßig bei größeren Einsätzen schnell an ihre Grenzen kommen und vor allem in kleineren Orten die Ausstattung der Wehren auch nicht eben auf dem neuesten Stand ist, wie Riza Sülük von seinen Besuchen in Anatolien weiß.

Wenn er dabei von seinem Ehrenamt erzählt, sorgt der Oberfeuerwehrmann aus Oberjesingen für Staunen. "Was macht denn eine freiwillige Feuerwehr?" "Wieso bekommt du da kein Geld dafür?", werde er dann oft gefragt. Und: "Wieso machst du dann überhaupt mit?" Vor allem auf die letzte Frage kennen Riza und Melike Sülük viele Antworten: "Es gefällt mir", sagt Riza Sülük. So gut, dass er sich seit drei Jahren auch im Ausschuss der Oberjesinger Wehr engagiert. "Ich fühle mich hier total wohl", sagt Tochter Melike und schiebt hinterher: "Jeder hilft jedem. Auch außerhalb von Dienst und Einsatz ist man einfach füreinander da."

Quelle:
Text: Gäubote – Sabine Haarer
Foto: Gäubote – Bäuerle

 

2016 03 02 Den Menschen zu helfen ist eine Motivation

Begeisterte Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr: Melike (links) und Riza Sülük