"Unsere Tätigkeit ist fast wie ein zweiter Beruf"

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: "Gäubote"-Interview mit Markus Priesching, Chef des Kreisfeuerwehrverbands Böblingen

Feuerwehrmann. Für viele Kinder ist es ein Traumberuf. Doch was macht die Faszination "Feuerwehr" aus? Ist das freiwillige Engagement in der Feuerwehr noch Hobby oder schon Pflicht? Und hat das Modell der Freiwilligkeit auch in der Zukunft eine Chance? Antworten auf diese und andere Fragen hat Markus Priesching, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Böblingen, im "Gäubote"-Interview gegeben.

"Gäubote": Beginnen wir doch mit einem Werbeblock. Für alle, die nicht sowieso schon Mitglied einer Feuerwehr sind: Warum lohntes sich, zur Feuerwehr zu gehen?

Markus Priesching: "Aus vielen Gründen. Es gibt kein schöneres Gefühl, als wenn man anderen Menschen in Not helfen konnte. Das Aufgabengebiet der Feuerwehren ist inzwischen breit gefächert - wir retten, löschen, bergen, schützen. Außerdem unterstützen wir damit die Gemeinden beim Erfüllen einer Pflichtaufgabe. Wir engagieren uns im sozialen Bereich und erfahren auch deshalb eine sehr große Anerkennung von der Bevölkerung. Wir haben eine sehr gute Kameradschaft in der Feuerwehr, auch über die eigene Feuerwehr hinaus haben wir einen großen Zusammenhalt und es ergeben sich viele Freundschaften. Neben all diesen Gründen bekommen wir auch eine sehr gute, technische Ausbildung. Wir lernen, teamfähig zu sein, entwickeln Entscheidungsfreude und soziale Kompetenzen. Was im Privaten und Beruflichen oft sehr hilfreich ist."

Aber das Sprichwort "Wer Rechte hat, hat auch Pflichten" kommt nicht von ungefähr ...

"Natürlich hat man gewisse Verpflichtungen. Man muss pünktlich sein, Ordnung halten, an Einsätzen teilnehmen, Übungen und Fortbildungen besuchen, Teamarbeit leisten. Das ist eine der zentralen Voraussetzungen bei uns, denn alleine kann keiner ein Feuer bekämpfen oder schwere technische Hilfe leisten."

Dazu kommt, dass die Arbeit der Feuerwehr nicht ungefährlich ist. Ist man sich im Einsatzfall dieser Gefahr bewusst oder hat sogar Angst?

"Nein, eher nicht. Natürlich haben wir die Gefahr vor Augen, aber wir haben keine Angst. Wir sind gut ausgerüstet und wie schon gesagt: Wir haben alle eine gute Ausbildung durchlaufen und üben regelmäßig. Von daher wissen wir, was wir machen können und wo unsere Grenzen sind. Wir wenden im Ernstfall gezielt das an, was wir gelernt haben und das, ohne dass wir uns selbst gefährden. Jeder wird nach seiner Eignung und seiner Ausbildung eingesetzt, bei einem Wohnungsbrand beispielsweise sechs bis acht Einsatzkräfte unter Atemschutz an vorderster Front."

Der Zeitaufwand ist nicht unerheblich, kann man bei der Feuerwehr überhaupt noch von einem Hobby sprechen?

"Aus meiner Sicht schon. Ich bin selbst ein alter Fußballer und habe deshalb den Vergleich: Zu meiner aktiven Zeit hatten wir in der Landesliga dreimal in der Woche Training und jeden Sonntag ein Spiel. Da ist der Aufwand bei der Feuerwehr überschaubar. Wenn man von den Einsätzen absieht, sind es im Grunde genommen nur drei Übungen im Monat. Dazu kommt am Anfang die Ausbildung, die auch an einzelnen Samstagen stattfindet. Das ist nicht zu unterschätzen, aber für Teenager wie auch Quereinsteiger gut machbar, da sie über drei Jahre verteilt ist. Funker, Atemschutzträger, Leistungsabzeichen, Truppführer - das sind die weiteren Ausbildungen, die in Absprache mit dem Feuerwehrangehörigen durchgeführt werden. Und es besteht die Möglichkeit, den Lkw-Führerschein zu machen oder als Führungskraft an der Landesfeuerwehrschule ausgebildet zu werden. Letztendlich ist unsere Tätigkeit fast wie ein zweiter Beruf. Es gibt inzwischen Überlegungen, durch die Spezialisierung der Einsatzkräfte die Ausbildung zu verkürzen oder zu straffen, in Zukunft wird es wichtig sein, dass es hier mehr Flexibilität gibt. Denn interessierte Frauen und Männer sollten nicht durch zu lange oder starre Ausbildungszeiten abgeschreckt werden."

Sie haben es selbst gesagt: Der Zeitaufwand ist riesig. Dazu kommt, dass die beruflichen Anforderungen stetig steigen und viele Feuerwehrler nicht mehr in ihrem Heimatort arbeiten. Die Einsatzverfügbarkeit ist immer wieder Thema. Da stellt sich die Frage: Ist die freiwillige Feuerwehr ein Auslaufmodell?

"Nein, mit Sicherheit nicht. Wenn gewisse Parameter und Stellschrauben ein bisschen justiert werden, dann funktioniert das auf freiwilliger Basis auch weiterhin. Davon bin ich überzeugt. Andernfalls wäre es auch nicht bezahlbar. Um es sinnvoll abdecken zu können, würde man in jeder Gemeinde mindestens sieben Hauptamtliche brauchen und das jeweils für drei Schichten. Die Kosten könnte niemand tragen und dafür fehlen auch die Einsatzzahlen. Deshalb müsste man dann zentrale Feuerwachen einrichten, wobei es dann schwierig wird, die gewohnt kurzen Hilfsfristen einzuhalten. Es ist fraglich, ob man der Bevölkerung sagen kann: Wenn es bei Ihnen brennt, braucht die Feuerwehr zwischen 15 und 20 Minuten, bis sie da sein kann. Zum Glück greifen die Feuerwehren nun verstärkt auf die Feuerwehrangehörige zurück, die tagsüber am Ort arbeiten aber einer anderen Feuerwehr angehören und die Städte und Gemeinden versuchen, Feuerwehrangehörige zu beschäftigen. Damit wird vor allem die kritische Tagesverfügbarkeit verbessert. Kurzum die freiwilligen Feuerwehren sind und bleiben alternativlos."

An welchen Stellschrauben müsste man denn drehen, damit die freiwillige Feuerwehr fit für die Zukunft bleibt?

"Die Feuerwehren müssen darauf achten, dass sie rechtzeitig genügend neues Personal akquirieren. Denn in ein paar Jahren werden praktisch alle Einsatzabteilungen starke Personalabgänge ausgleichen müssen, wenn nämlich die geburtenstarken Jahrgänge altersbedingt aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Es gibt jedoch schon Personalgewinnungskonzepte, die in einzelnen Feuerwehren bereits erfolgreich angewendet werden. Wir wollen dadurch junge Leute über die Kinder- und Jugendfeuerwehren ebenso für uns interessieren, wie Frauen und Männer im mittleren Alter als Quereinsteiger für die Einsatzabteilungen gewinnen. Außerdem werden Doppel-Mitgliedschaften immer wichtiger, bei denen man sich gleichzeitig in mehreren Feuerwehren engagiert: tagsüber in der Feuerwehr am Arbeitsort, abends und
am Wochenende in der Feuerwehr am Wohnort. Außerdem wäre für gewisse Tätigkeiten und Abläufe die Unterstützung durch einen Hauptamtlichen wünschenswert."

Welche Aufgaben könnten denn in dessen Zuständigkeit fallen?

"Vor allem die Verwaltungs- und Prüfaufgaben. Aufgaben wie beispielsweise die Einsatzabrechnung, die Dokumentation, die Fortführung des Feuerwehrbedarfsplans. Das alles ist mit einem immensen Zeitaufwand verbunden. Auch wenn Beschaffungen anstehen oder für Objekte und Veranstaltungen Sicherheitskonzepte ausgearbeitet werden müssen, könnte das von einem hauptamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde übernommen werden. Damit wäre allen geholfen, denn wenn ein Kommandant an drei Abenden in der Woche mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt ist und dann auch noch eine Übung dazukommt, dann bleibt unweigerlich etwas liegen. Vereinfacht gesagt: Man muss das Ehrenamt entlasten und den Leuten signalisieren, wir lassen euch nicht hängen und unterstützen euch. Dies geschieht erfreulicherweise bereits in vielen Städten und Gemeinden."

Durch die Jugendfeuerwehren kommen viele heute schon recht früh zur Feuerwehr. Macht es überhaupt Sinn, auch noch als Erwachsener einzusteigen?

"Auf jeden Fall. Nicht nur, weil uns eine gute Durchmischung bei der Altersstruktur wichtig ist. Die Leute stehen auch schon mitten im Leben und haben den Zeitpunkt, an dem sie sich zwischen Feuerwehr und Fußball entscheiden müssen, schon hinter sich. Meist stehen sie beruflich auf sicheren Beinen und auch die Familie ist als Rückhalt da. Sie überlegen es sich gut, bevor sie zu uns kommen, und machen es dann auch richtig. Gerade bei einem Wohnortwechsel können so auch persönliche Kontakte schneller geknüpft werden."

Wie sind Sie selbst denn zur Feuerwehr gekommen?

"Über einen Freund. Dessen Vater war damals stellvertretender Kommandant. Als der Feuerwehr-Tüv kam, haben sie jemand gebraucht, der mittags ein bisschen mithilft. Die Leiter vom Auto holen und solche Dinge. Danach bin ich zur Feuerwehr. Damals gab es noch keine Jugendfeuerwehr, deshalb bin ich mit 16 Jahren direkt zu den Aktiven."

Welche Entwicklung hat die Arbeit der Feuerwehr denn seitdem gemacht?

"Es kommen mehr Aufgaben dazu und es wird auch immer komplexer. Die Autos haben Alternativantriebe, die Fahrgastzellen werden immer sicherer. Aber das geht auf unsere Kosten, denn wir kommen nicht mehr so schnell ins Auto rein. Oder nehmen wir den Vollwärmeschutz, der, wie in Sindelfingen geschehen, von unten nach oben durchbrennen kann und so einen Vollbrand verursacht. Und natürlich sind die Flüchtlingsunterkünfte ein Thema, das wir so bisher nicht hatten. Wobei gerade diese Koordination und Planung eine Aufgabe wäre, die von den Gemeinden übernommen werden kann."

Können Sie das näher erklären?

"Die Gemeinde sollte an uns die Informationen weitergeben, wo Unterkünfte sind und wer darin untergebracht ist. Aber wer macht es bisher? Die Feuerwehren machen es wieder selbst. Aus einem ganz einfachen Grund: Alles, was ich im Vorfeld bereits kenne, kann mich im Ernstfall nicht überraschen. Wenn ich Gebäudepläne habe und Alarmpläne mache, wenn ich weiß, wo ich wen reinschicken kann und welche anderen Feuerwehren ich zu welchem Zeitpunkt dazuhole, dann hilft mir das im Brandfall ganz einfach unheimlich weiter."

Andere Feuerwehren ist ein gutes Stichwort. Wird die interkommunale Zusammenarbeit immer wichtiger?

"Ja und das beginnt schon bei der Ausbildung. Wir haben im Kreis Böblingen Ausbildungsbezirke gebildet, bei der Grundausbildung und beim Leistungsabzeichen schließt man sich zusammen. Die Kameraden lernen sich so besser kennen und die Ausbildungsschwerpunkte werden gleichgesetzt. Inzwischen wird auch die Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten aufei nander abgestimmt. Denn mit jeder Drehleiter und jeder Sonderfunktion braucht man mehr Personal und deshalb ist es wichtig, dass man zusammenarbeitet."

Quelle:
Text: Gäubote – Sabine Haarer

 

2016 01 13 Unsere Taetigkeit ist fast wie ein zweiter Beruf