"Wir sind gut aufgenommen worden"

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Kommandant Jürgen Vogt und Stellvertreter André Weiss bilden die neue Doppelspitze der Wehr

Sie stehen für den Systemwechsel. Jürgen Vogt als Kommandant und sein Stellvertreter André Weiss führen die Herrenberger Gesamtwehr seit 1. Februar als hauptamtliche Chefs. Verantwortlich sind sie für rund 280 aktive Mitstreiter in den acht Abteilungen der Stadt. Auf dem Weg zur weiteren Professionalisierung der Feuerwehr gibt es noch viel für sie zu tun, die Basis dafür indessen stimmt. Jürgen Vogt: "Der Ausbildungsstand ist gut, die Einsätze haben alle einwandfrei geklappt."

Zahl und Anforderungen der Feuerwehreinsätze steigen in Herrenberg seit langem, nicht sprunghaft, aber stetig. Vor 15 Jahren musste die Feuerwehr etwa 170-mal in zwölf Monaten ausrücken, inzwischen werden jährlich runde 250 Einsätze gefahren. Brände, Unfälle, Menschenrettung, Unwetter, Umweltschutz - die Bandbreite ist groß. Dass eine rein ehrenamtlich geführte Feuerwehr in einer Stadt mit mehr als 31000 Einwohnern da an ihre Grenzen stößt, hat sich abgezeichnet. Mit dem Rückzug des langjährigen Stadtbrandmeisters Werner Widmayer, der nach 18 Jahren das Kommandantenamt 2015 aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, stand das Thema ganz unvermittelt auf der Agenda. Hartmut Wanner übernahm zwar kommissarisch die Aufgabe des Kommandanten - ehrenamtlich, wie bisher. Klar war aber auch, dass die Herrenberger Feuerwehr - immerhin die größte im Landkreis - nicht mehr neben einem anderen Hauptberuf geführt werden kann. Ein Fachgutachten wies klar den Weg in Richtung Hauptamtlichkeit.

Ehrenamtliche Wurzeln
Zeitgleich zum 1. Februar haben nun Jürgen Vogt und André Weiss die Leitung übernommen. Beide verfügen über eine lange hauptberufliche Erfahrung im Feuerwehrwesen. Zugleich wissen sie um die Bedeutung des Ehrenamts in diesem Metier und haben selbst das Löschhandwerk in einer freiwilligen Feuerwehr erlernt, die von Ehrenamtlichkeit getragen war. Jürgen Vogt ist in Heidenheim aufgewachsen, mit 14 Jahren kam er zum ersten Mal in Kontakt mit der damals in seiner Heimatstadt neu gegründeten Jugendfeuerwehr. Vogt: "Die Struktur dort kann man durchaus mit Herrenberg vergleichen." Trotz des aktiven Feuerwehrdienstes, vor allem auch im Gefahrgutzug, orientierte er sich beruflich zunächst anders - er absolvierte die Ausbildung zum Forstwirt in Steinheim am Albuch. Die hauptamtliche Feuerwehr-Karriere hat er 1991 in Augsburg im mittleren Dienst begonnen. Hauptbrandmeister, gehobener Dienst, Wachabteilungsleiter und bis zu seinem Wechsel nach Herrenberg Sachgebietsleiter für das Einsatzgeschehen - das waren die Stationen des 48-jährigen Stadtbrandamtsrates in der bayrischen Großstadt mit nicht ganz 290000 Einwohnern. Vogts Stellvertreter André Weiss (46) stammt aus Böblingen, wo er 1989 in die Feuerwehr eintrat. Von 1994 bis 2007 war er Mitglied der Werksfeuerwehr im Daimler-Werk in Sindelfingen. In den vergangenen zehn Jahren hatte er verschiedene Positionen bei der Tübinger Wehr inne, zuletzt in der integrierten Rettungsleitstelle. Intensiv gewidmet hat sich Weiss auch dem vorbeugenden Brandschutz. Sein spezielles Fachgebiet indessen ist die Unfallrettung aus Fahrzeugen. In seiner Zeit bei Mercedes hat er den Rettungsleitfaden für Pkw entwickelt, der noch immer Gültigkeit besitzt. Über Deutschland hinaus schult er Feuerwehrangehörige, die sich bei der Bergung von Unfallopfern immer wieder auf neue Fahrzeugtechnologien einstellen müssen.

Voller Terminkalender
Interessant und anstrengend war die bisherige Startphase in Herrenberg für Vogt und Weiss, die im Redaktionsgespräch einen zupackenden Pragmatismus ausstrahlen. Ihr Terminkalender ist proppenvoll. Kontakte wollen geknüpft sein, das Wissen über die speziellen Belange der Herrenberger Wehr wachse täglich. Im Moment gehe es noch darum, von allem einen ersten Eindruck zu bekommen. Menschen, Ausbildungsstand, Ausrüstung, Gebäude, Gespräche mit den acht Fachbereichsleitern - die Liste ist lang. Jürgen Vogt: "Allein schon die Größe der Wehr ist eine Hausnummer, die bewältigt sein will." Von Vorteil sei, so urteilen Kommandant samt Stellvertreter übereinstimmend, dass sie zum selben Zeitpunkt an den Start gingen. Im Feuerwehrgerätehaus sitzen Vogt und Weiss in einem Büro, so dass viele Abstimmungen über den Schreibtisch hinweg erfolgen. Eine Arbeitsteilung auf ganz direktem Weg. Vogt: "Wir haben viel Neues abzuklären. Dass Werner Widmayer in Teilzeit und Gerätewart Marc Langer in Vollzeit weiter an Bord sind, erweise sich als echter Vorteil.

Im Team erarbeiten
Zumindest einer der beiden Hauptamtlichen ist tagsüber präsent und kann als Einsatzleiter fungieren. Den Kommandowagen nehmen Vogt und Weiss im Wechsel über Nacht nach Hause, um je nach Einsatzgeschehen eingreifen zu können. Sind Kommandant und hauptamtlicher Vize nicht da, stehen mit den ehrenamtlichen Stellvertretern Hartmut Wanner und Alexander Hübner erprobte Führungskräfte bereit. Seinen Führungsstil beschreibt Vogt als "situativ und kooperativ angepasst". Wenn etwas in der Breite besprochen werde, gehe die Umsetzung leichter. Vogt: "Für mich ist es der richtige Weg, die Dinge im Team zu erarbeiten. Die Meinungen anderer helfen, auch Wertschätzung ist mir wichtig." Sein Angebot an alle Wehrmitglieder heißt deshalb - "meine Tür ist immer offen". Umgekehrt spüren die beiden bei den Ehrenamtlichen viel Akzeptanz. "Wir sind gut aufgenommen worden", zieht Jürgen Vogt ein erstes Fazit. Noch weiter geht André Weiss: "Viele haben darauf gewartet, dass wir da sind." Die Interimszeit nach dem Ausscheiden von Werner Widmayer sei schon eine hohe Belastung für die Wehr gewesen.
Das neue Feuerwehrduo hat neben dem Einsatzgeschehen einen ganzen Berg an strukturellen Aufgaben vor sich. Ein kleiner Anbau am Gerätehaus soll die Arbeitsbedingungen verbessern, im Rathaus soll die Feuerwehr organisatorisch als eigene Abteilung im Dezernat 3/Bau aufgestellt werden. Ganz oben auf der Agenda steht die Fortschreibung des Feuerwehrbedarfsplanes, der die mittelfristige Entwicklung des Feuerwehrwesens in Herrenberg aufzeigt. Daran beteiligt ist auch ein externes Gutachterbüro. Vogt: "Bis spätestens zum Jahresende soll der Entwurf in den Gemeinderat." Ein wichtiges Thema dabei werde die Tagesverfügbarkeit von ausreichend Lösch- und Rettungskräften sein. Aber auch sonst komme alles auf den Prüfstand. Standorte, Fahrzeuge, Gebäude, Geräte. Zusätzliches Augenmerk gilt bei der Bestandsaufnahme den besonderen Gefahrenpotenzialen. Sei es das Krankenhaus, der Schönbuchtunnel oder auch das Glockenmuseum. Am Ende steht die neue Alarm- und Ausrückeordnung - das Fundament künftiger Einsätze.

2017 04 20 Wir sind gut aufgenommen worden

Die neue Führungsspitze der Herrenberger Gesamtfeuerwehr: Kommandant Jürgen Vogt (links) und sein Stellvertreter André Weiss im Wagen der Einsatzleitung

Quelle:
Text: Gäubote – Harald Marquardt
Foto: Gäubote – Holom