Wer in der Altstadt Raketen zündet, muss mit Bußgeld rechnen

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: In der Verbotszone kostet das unerlaubte Abbrennen von Feuerwerkskörpern der Klasse II mindestens 100 Euro

Der Jahreswechsel steht an. Daher weist das Ordnungsamt der Stadt Herrenberg auf das bestehende Feuerwerksverbot "in unmittelbarer Nähe von Fachwerkhäusern und Kirchen" hin. Es erstreckt sich über die gesamte Altstadt und gilt insbesondere an Silvester und Neujahr.

Ein kurzes Zischen, ein Knall - gefolgt von einem hektischen Notruf über die 112. Nicht immer steigen Raketen in den Himmel und bieten dort die gewünschte Lichter-Show. Je näher der Jahreswechsel rückt, desto gespannter blicken auch die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Herrenberg dem Silvesterschauspiel entgegen. "Klar haben wir im Hinterkopf, dass etwas passieren kann und rechnen damit", sagt Pressereferent Andreas Widmayer.

Spezielle Dienstpläne oder "Sitzdienste", also Bereitschaften, gebe es zwar keine. Dennoch: Bei der neunköpfigen Besatzung des Gerätewagens Messtechnik, allesamt speziell ausgebildet, ist gerade während des Jahreswechsels die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihr Alarmmelder schrillt. "Sie sind kreisweit im Einsatz", sagt Widmayer und ergänzt: "Und unsere Drehleiter rückt im südlichen Teil des Landkreises an, wenn Brände ab Stufe zwei gemeldet werden. Das Feuer in Hochhäusern oder Gewerbebetrieben."

Die Herrenberger Altstadt hingegen ist bislang glimpflich davongekommen: Der letzte nennenswerte Vorfall in jüngerer Vergangenheit hatte sich in der Hirschgasse ereignet. Eine Rakete war in einem hölzernen Blumentrog eines Fachwerkhauses gelandet, nicht im Dachstuhl. "Ein Anwohner hatte den verirrten Flugkörper beobachtet - und uns zum Glück rasch verständigt", erinnert sich Widmayer.

Dagegen hatte ein Großaufgebot der Tübinger Brandbekämpfer am Silvesterabend 2008 nur haarscharf eine Katastrophe verhindern können: Eine Rakete hatte sich in den Dachgiebel eines historischen Gebäudes am Marktplatz gebohrt, die sich dort dicht an dicht drängen, und ein Feuer ausgelöst. Dabei war ein Schaden in Millionenhöhe entstanden.

"Auch in Herrenberg gab es schon Brände, die durch Feuerwerk ausgelöst worden sind - bislang zum Glück aber ohne solche Ausmaße wie in Tübingen geblieben sind", bestätigt Dieter Bäuerle vom städtischen Ordnungs- und Standesamt auf "Gäubote"-Anfrage - zumindest in seiner Dienstzeit. Er arbeitet seit Dezember 1982 im Rathaus. Dass bislang nichts Schlimmeres passiert sei, führt er auch auf das Feuerwerksverbot in der Innenstadt zurück. Das "bundesweit gültige Abbrennverbot für Feuerwerkskörper" war 2009 unter dem Eindruck der Tübinger Geschehnisse erlassen worden. "Das Feuerwerksverbot gilt kraft Gesetzes unter anderem in unmittelbarer Nähe von Fachwerkhäusern und Kirchen", unterstreicht Bäuerle noch einmal die gültige Gesetzeslage. Da es in der Herrenberger Altstadt "fast überall Fachwerkhäuser" gebe, seien die Grenzen der Verbotszone "in einer städtischen Anordnung konkretisiert" worden. Nicht gestattet sind demnach "pyrotechnische Gegenstände der Kategorie II wie zum Beispiel Raketen, Schwärmer, Knallkörper und Batterien". Wer meint, sich dem Verbot widersetzen zu müssen, muss "mit ordentlichen Bußgeldern rechnen", sagt Bäuerle. "Wer fahrlässig handelt, muss 100 Euro bezahlen." Zuletzt sei das an Silvester 2015 geschehen, als am Marktplatz ein Böller gezündet worden sei, erinnert er sich.

Mindestens das Doppelte - also 200 Euro - werde fällig, sobald "Vorsatz mit im Spiel ist", fügt der Rathaus-Mitarbeiter an. Auch in diesen Fällen verschicke das städtische Ordnungsamt Bußgeldbescheide. "Feuert aber jemand beispielsweise gezielt eine Rakete in eine Menschenmenge und verletzt dadurch eine Person, die den Übeltäter anzeigt, kommt Post vom Staatsanwalt", gibt Bäuerle zu bedenken. Dann sei es mit einem Bußgeld "nicht mehr getan. Und die Tagessätze richten sich nach dem Einkommen."

Anzeigen könne Verstöße gegen das Feuerwerksverbot "grundsätzlich jeder", erläutert der erfahrene Mitarbeiter aus dem Herrenberger Rathaus. "Wesentlich ist aber, ob die Personalien des Übeltäters oder der Übeltäterin bekannt sind." Und die dürfe "ausschließlich die Polizei feststellen", ergänzt er.

Auch in diesem Jahr wird der Platz rund um die Stiftskirche wieder durch Bauzäune abgesperrt sein, zudem ein Sicherheitsdienst Einlasskontrollen durchführen und nach unerlaubter Pyrotechnik fahnden. "Das hat sich bewährt", stellt Bäuerle zufrieden fest. Die Kirchengemeinde habe nach der Premiere ebenso ein positives Fazit gezogen wie um ihre Häuser besorgte Anwohner. "Wir haben Dankes-E-Mails, -briefe und -anrufe bekommen", berichtet Bäuerle. Das Problem zurückgelassenen Mülls sei ebenso "viel besser geworden".

Dabei halte sich der finanzielle Aufwand der Aktion für die Stadtkasse "in Grenzen": Die Barrieren stellen die Technischen Dienste auf, das könne intern verrechnet werden. Für die Mitarbeiter der privaten Wachfirma müsste die Kämmerei "einen oberen dreistelligen Betrag einplanen".

Auf dem Schlossberg erlaubt
Auf dem Schlossberg ist das Feuerwerken übrigens erlaubt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Böller oder Raketen die Kirche oder die Altstadt überhaupt erreichen, ist sehr gering", sagt Bäuerle. Daher sei der beliebte Aussichtspunkt über der Stadt in Absprache mit der Feuerwehr nicht in die Verbotszone aufgenommen worden. Widmayer und seine Kollegen hoffen indes auf einen "ähnlich ruhigen Verlauf" wie während des Jahreswechsels 2015/16. "Wir wurden lediglich zu zwei Einsätzen in Böblingen und Sindelfingen gerufen." Nichts Gravierendes. Egal, ob ein Alarm kommen sollte oder nicht - ein paar Herrenberger Kameraden werden definitiv gemeinsam anstoßen. "Wir feiern im Gerätehaus ins neue Jahr hinein."

2016 12 29 Wer in der Altstadt Raketen zuendet

Quelle:
Bild und Text: Gäubote - Sven Gruber