"Das ist natürlich kein Einbrecherkurs"

Geschrieben von Andreas Widmayer

Herrenberg: Feuerwehrleute trainieren in einem Lehrgang das Öffnen von Schlössern

Samstagvormittag. Während es draußen regnet, werden im trockenen Inneren des Herrenberger Feuerwehrgerätehauses Türen aufgebrochen.

Einer Gruppe von Feuerwehrleuten wird in einem Lehrgang das nötige Know-how vermittelt, um im Gefahrenfall Türen oder Fenster zu öffnen. So einfach wie im Film ist das nämlich nicht.

Umringt von roten Autos stehen vier Tische, auf ihnen, Miniaturen von Türen, gut einen Meter hoch, 50 Zentimeter breit. Zehn Mitglieder der Kernstadt-Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr Herrenberg sind beim Lehrgang anwesend, stehen oder knien vor den Tischen, hantieren nach Anweisung der beiden Lehrgangsleiter Christian Seibt und Martin Renz. Beide sind Mitglieder der Stuttgarter Feuerwehr und dort für eben solche Weiterbildungen zuständig.

Am Anfang steht die Theorie Seit einiger Zeit haben sie sich selbstständig gemacht, bieten ihr Wissen aber nur Feuerwehrkollegen an: "Das ist natürlich kein Einbrecherkurs", meint Seibt. Der 35-Jährige hat sich einer Dreiergruppe angenommen, die an einem Tisch ein wenig abseits der anderen stehen. Die kleine Tür steht zwischen Erfolg und Frust, sie ist der Härtetest. Sie ist abgeschlossen, der Schlüssel steckt umgedreht im Schloss, der Schlosszylinder kann wegen eines Ziehschutzbeschlags nicht aus dem Schloss entfernt werden. Deswegen kniet Albrecht Fischer vor dem Tisch, Schutzbrille auf, eine Fräsmaschine im Anschlag - diese angesetzt und los. Das Aufeinandertreffen von Maschine auf Schloss klingt quietschend nach Zahnarztpraxis, Seibt muss sich für Hinweise laut verständlich machen. Oder eben warten, bis Fischer von der Tür ablässt. "Es ist auch sehr wichtig, dass immer einer mit einer Lampe dabeisteht", meint er.

Kleine Hinweise, kurze Erklärungen, was genau passiert, mehr benötigt es gar nicht mehr. Denn zu Beginn der Veranstaltungen hieß es für die Teilnehmer erst einmal: aufnahmefähig sein, zuhören. In gut einer Stunde Theorie erklärten die Fachleute den Aufbau verschiedener Schlossarten und die Techniken - "ein Verständnis für die Funktion" müsse entwickelt werden, so Seibt. Was muss ich machen, damit sich bestimmte Dinge bewegen?

Der Großteil der Zeit aber ist natürlich dem Üben eingeräumt. Es ist wichtig, die Techniken zu lernen, damit im Notfall situationsbedingt gehandelt werden kann. Situationsbedingt - ein Wort, dass Seibt oft bei Erklärungsversuchen nutzt. So einfach lassen sich viele Dinge eben nicht sagen. Es mache im Einzelfall einen großen Unterschied, ob die Person im Haus ansprechbar sei oder beispielsweise einen Infarkt hatte - bei Letzterem "muss dann die Tür eben einfach auffliegen". Die Priorität, das hat sich auch Gruppenführer Andreas Gründler eingeprägt, liegt aber darauf, "zerstörungsfrei" die Tür zu öffnen. Das Werkzeug angesetzt, ein paar Sekunden der Konzentration und die kleine Tür springt vor Gründler auf.

Es ist aber nur kurz Zeit, den Erfolgsmoment zu genießen, dann wird die Tür wieder geschlossen - nächster Versuch. So einfach wie im Film ist es natürlich trotzdem nicht - "das ist ja auch gut, dass nicht jeder das einfach mal so machen kann." Eine wirklich wichtige Sache sei das schnelle Öffnen im Notfall aber auf jeden Fall, so Gründler. Deswegen gebe es erstmals einen solchen Lehrgang für die breite Masse: Am Samstag befinden sich sowohl Führungskräfte als auch die normale Mannschaft im Gerätehaus, "eine schöne Mischung", so der 55-Jährige.

Zerstörungsfrei oder zerstörungsarm Wie wichtig der Lehrgang ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Zwei- bis dreimal im Monat, rund 20 Mal im Jahr müsse die Feuerwehr zu Notfällen ausrücken, bei denen gerade diese Art von Fähigkeiten gebraucht werde, schätzt Gründler. Zudem kann das schnelle und zerstörungsfreie Türöffnen Tausende von Euro sparen. Haustüren sind nicht gerade billig.

Aber natürlich ist es nicht immer so einfach: Sobald die Tür abgeschlossen ist, kommt man mit "zerstörungsfrei" nicht mehr weit, dann wird es mindestens "zerstörungsarm", wie Gründler weiß - und wie Martin Renz an einem anderen Tisch demonstriert. Dort geht es darum, den Schlosszylinder zu entfernen, dass dabei die Tür nicht immer heil bleibt, muss in Kauf genommen werden. Doch gerade am Samstag streiken die Zylinder. Stattdessen bricht ein Stift des benutzten Akkubohrers nach dem anderen ab. "Alles Sonderfälle hier", meint Renz. Zwar nicht optimal, aber man kann Lehren daraus ziehen: "So weiß man wenigstens, was man im Problemfall tun könnte", erklärt Seibt. Denn auch an seinem Tisch spielt der Zylinder nicht mit - eigentlich hat Albrecht Fischer alles richtig gemacht, aufgehen will die Türe trotzdem nicht, auch unter den Händen des Fachmanns nicht.

Der Stimmung tut das aber keinen Abbruch. Wie es sich bei der Feuerwehr gehört, ist das Miteinander kollegial. Man hilft sich gegenseitig, gibt einander Tipps, aber natürlich neckt man sich auch. "Och Mensch, jetzt hasts kaputtgemacht", hört man von der einen Seite des Raums in gespielter Empörung - "ich bin reingekommen, das war doch der Arbeitsauftrag", kommt die schnippische Antwort. Gelächter ist ebenso zu hören wie Metall auf Tür, wie Akkubohrer und Fräsmaschine auf Zylinder.

Dem Laien fällt zum Türöffnen natürlich als Erstes der Dietrich ein, jeder gute Einbrecher, Spion oder Detektiv hat so was doch immer in der Hosentasche Einen Dietrich kann man zwar im Gerätehaus auch finden, weit kommt man damit aber nicht. "Damit kann man mittlerweile eigentlich, wenn überhaupt, noch Zimmertüren öffnen", meint Seibt. Bei Profilschlössern - also Haustüren - habe man damit keine Chance. Deswegen finden sich auf den Tischen Spiralöffner oder Öffnungskarten, oftmals ist Detailarbeit gefragt. Dabei mache es der verständliche Drang der Menschen nach Sicherheit den Feuerwehrleuten oft nicht einfach. "Die Menschen wollen natürlich alles draußen halten. Aber manchmal müssen wir eben rein", erklärt Seibt - es gelte, quasi die Neuerungen der Hersteller zu überlisten. Während das bei Haustüren mit der richtigen Übung meist möglich ist, stellen Autotüren eine größere Herausforderung dar. "Viele Autos haben mittlerweile eine Safe-Lock-Verriegelung. Da müssen wir immer mehr darauf zurückgreifen, das Fenster einzuschlagen", meint der 35-Jährige.

Die Fräsmaschine ist endlich zur Ruhe gekommen, mit Hammer und Schraubenzieher und einigem an Geduld ist die Tür vor Albrecht Fischer endlich offen - nur um kurz darauf wieder verschlossen zu werden. Der Nächste versucht sich mit seinem Geschick - wer weiß: Vielleicht ist es genau dieser Moment Erfahrung, der irgendwann einmal Leben retten wird.

2016 11 30 Das ist natuerlich kein Einbrecherkurs

Bei diesem Lehrgang steht nicht das Löschen, sondern die Türöffnung im Vordergrund

Quelle:
Text: Gäubote - Joscha Klüppel
Foto: Gäubote - Holom