Ätzende Dämpfe in der Luft

Geschrieben von Andreas Widmayer

Böblingen: 141 Sicherheitskräfte üben den Katastrophen-Fall bei Chemie-Firma

Es war die größte Feuerwehrübung in diesem Jahr, die am Rande Böblingens mit 141 Sicherheitskräften stattfand. Dazu war die Schönaicher Straße zwischen Böblingen und Schönaich gesperrt. Die Einsatzleitstelle war an der Kreuzung zur Nürtinger Straße. "Es hat hervorragend geklappt", zeigte sich der Sindelfinger Feuerwehrabteilungskommandant Rainer Just zufrieden.

Um kurz nach 10 Uhr am Samstag sperrte die Polizei, die mit mehreren Streifenwagenbesatzungen an der Übung beteiligt war, die Schönaicher Straße. Die Straße nach Schönaich von Böblingen her war ohnehin wegen Bauarbeiten schon gesperrt.

Um 10.15 Uhr wurde von der Leitstelle in Böblingen Umweltalarm ausgelöst. Es war eine angesagte Übung. Die beteiligten Feuerwehrleute aus Böblingen, Schönaich, Holzgerlingen und Herrenberg waren bereits in Wartestellung. Zum Umweltschutzzug (USZ) gehören Böblingen und Herrenberg. Auch die DRK-Ortsgruppe Böblingen war mit drei Fahrzeugen und sieben Sanitätern an der Übung beteiligt. Ebenso das Technische Hilfswerk. Um 10.17 Uhr ertönten minutenlang die Sirenen der Firma Schill und Seilacher, die im Betrieb an der Schönaicher Straße 205 mit 355 Beschäftigten chemische Produkte herstellt. Dazu zählen auch die als "sehr giftig" eingestuften Phosphorchloride. Als Super-GAU wurde angenommen, dass ein Gabelstapler mit seinen Zinken den Tank eines Tankzuges aufgerissen hatte, der gerade beim Entladen war. Dabei liefen Gefahrstoffe aus, und es bildeten sich giftige Dämpfe. Phosphorchloride (PCI-3) sind farblos, stark ätzend und von stechendem Geruch, die an feuchter Luft infolge von Hydrolyse rauchen.

600 Meter Sicherheitsabstand

Die Einsatzleitung bei dieser Übung hatte der stellvertretende Kommandant der Feuerwehr Böblingen, Roland Pfau. Nach und nach rückten etwa 40 Fahrzeuge an die Kreuzung Schönaicher/Nürtinger Straße vor. Wegen der giftigen Dämpfe wurde entsprechend der Störfall-Verordnung eine Distanz zur Unglücksstelle von 600 Metern eingehalten.

Am Sammelpunkt wurden die Einsatzkräfte mit Schutzanzügen gegen chemische Lösungen ausgerüstet und mit einem Mannschaftstransportwagen bis zur Firma gefahren und später zurückgebracht. Die Feuerwehrleute mussten dann zur Dekontamination. Diese Station war auf dem Murkenbachweg aufgestellt. Dazu war über einen Schacht Frischwasser bis zum Zelt geholt worden. Vor dem Zelt wurden die Einsatzkräfte abgespritzt, zusätzlich mit Seife abgebürstet, mussten dann noch eine Dusche durchlaufen und konnten sich im Zelt umziehen.

Schon nach Eintreffen der ersten Feuerwehrkräfte fuhr ein Lautsprecherwagen der Feuerwehr durch die Wohngebiete Waldenbucher- und Nürtinger Straße sowie dem Murkenbachweg, um die Bevölkerung vor giftigen Dämpfen zu warnen. In diesem Fall mit dem Übungshinweis.

Erstmals wurde bei dieser Übung auch das Warn- und Informationssystem Katwarn mit einbezogen. Seit 2011 in Betrieb wird dieses Warn- und Informationssystem für die Bevölkerung für behördliche Warnungen direkt aufs Mobiltelefon übertragen. Jeder kann sich dazu anmelden und wird übers Smartphone informiert. Dazu wird der Standort eingegeben. Es können bis zu zwei Bereiche eingegeben werden.

Auch vom amerikanischen Fire Department Stuttgart waren Gäste bei der Übung. Sie kamen mit dem Assistant Fire Chief Leonard Fagen und wurden von Kreisbrandmeister Guido Plischek informiert. Der hätte übrigens die Gesamteinsatzleitung bei einem Ernstfall übernehmen müssen, was bei entsprechender großer Gefahrenlage vorgeschrieben ist.

Die Feuerwehr Sindelfingen war an der Übung nicht beteiligt. Axel Wechsler von der Wehr in Sindelfingen war mit einigen Kollegen mit Block und Schreibstift trotzdem dabei. "Wir sind als Beobachter tätig", erklärte er. Die Sindelfinger Feuerwehr ist bei Umweltschutzeinsätzen für den nördlichen Kreisteil zuständig.

2016 11 14 Aetzende Daempfe in der Luft

Die Einsatzkräfte der Feuerwehr müssen in ihren Schutzanzügen, wenn sie von der Unglücksstelle kommen, in einer Kontaminations-Stelle abgeduscht werden

Quelle:
Text: Gäubote - Heinz Richter
Foto: Gäubote - Richter