Bauarbeiten als logistische Herausforderungen

Geschrieben von Andreas Widmayer

Kreis Böblingen: Feuerwehren müssen sich inner- und außerorts neue Wege suchen

Seit Wochen wird rund um Mötzingen gebaut. Die Kreisstraße von Bondorf nach Mötzingen ist dicht, die Ortsdurchfahrt war monatelang gesperrt und im Zuge dessen auch die direkte Verbindung nach Nagold gekappt. Seit der vergangenen Woche nun ist die Straße von Öschelbronn nach Mötzingen gesperrt. All das stellt nicht nur die Verkehrsteilnehmer vor Herausforderungen, sondern ganz entscheidend auch die Feuerwehr.

Denn jede noch so kleine Baustelle zieht eine ganze Reihe Fragen nach sich, auf die es Antworten zu finden gilt. Wie kommen die Einsatzkräfte von zu Hause ins Feuerwehrgerätehaus, und wie kommen sie mit den Einsatzfahrzeugen zum Einsatzort? Wo finden sich Aufstellungsflächen, wo Bereithaltungsräume für nachrückende Fahrzeuge? Wo sind Wasserentnahmestellen, und sind diese überhaupt frei zugänglich? Kann im Brandfall die Rückseite des Gebäudes auch angefahren und somit problemlos eine Riegelstellung aufgebaut werden? Wie kommt welche Nachbarwehr im Ernstfall in den Flecken und an die Einsatzstelle und kann somit Überlandhilfe leisten? Welchen Weg schlägt man selbst ein, um die Kameraden in den Nachbarorten unterstützen zu können? Das sind nur einige von vielen Überlegungen, die angestellt werden müssen, wenn es zu Straßensperrungen, zu Bau- oder Sanierungsarbeiten kommt - wie jetzt beispielsweise in Mötzingen.

Monatelang war die Ortsmitte für den Verkehr gesperrt, waren Iselshauser-, Öschelbronner, Kirch- und Schlossgartenstraße nicht befahrbar. Auf der Kreisstraße nach Bondorf war und ist kein Durchkommen. Auch für die Feuerwehr nicht. Deshalb mussten zahlreiche Vorkehrungen getroffen werden. Die Pläne zur Sanierung der Kreisstraße 1052 wurden vom zuständigen Landratsamt an die Gemeindeverwaltungen weitergegeben, die ihrerseits die Feuerwehren informierten. Für den Mötzinger Kommandant Sascha Neidhart und sein Bondorfer Pendant Dieter Mast galt es, Alternativen zu erarbeiten. So waren zuerst die Bondorfer Kameraden gefragt, hätte es auf dem Golfplatz und den nebenliegenden Höfen einen Einsatz gegeben. Als im zweiten Bauabschnitt die Anfahrt von Mötzinger Seite möglich war, wurden die Zuständigkeiten getauscht. Um im Notfall keine wertvolle Zeit zu verlieren, wurde in der integrierten Leitstelle in Böblingen das Alarmierungsszenario jeweils entsprechend geändert. Während ausgebaute Feldwege durchaus eine Möglichkeit sind, wenn es um die Überlandhilfe geht, fiel diese Option in der Erntezeit weg. Den Begegnungsverkehr zwischen Mähdrescher und Feuerwehrauto wollte man vermeiden, weshalb den Mötzinger Feuerwehrleuten nichts anderes übrigblieb, als im tatsächlich vorgekommenen Einsatzfall über Öschelbronn und die alte Bundesstraße 14, die heutige Landesstraße 1184, nach Bondorf zu fahren.

Natürlich ist auch bei der Überlandhilfe jede Minute kostbar. Ist es wichtig, dass die Kameraden aus den Nachbarorten schnell an der Einsatzstelle eintreffen und die örtliche Wehr unterstützen können. Doch da man in diesem Fall sowieso mit einem zeitlichen Verzug rechnet, ist das Umleitung-Fahren nicht unbedingt der entscheidende Faktor. "Weitaus mehr Schwierigkeiten macht ein Einsatz innerorts", sagt Sascha Neidhart. Die Mötzinger Kameraden müssen wissen, wie sie trotz Baustelle zum Feuerwehrgerätehaus in der Öschelbronner Straße kommen und wie sie möglichst nah an die Einsatzstelle herankommen. Zwar drehte der Mötzinger Kommandant in den vergangenen Wochen und Monaten regelmäßig eine Fleckenrunde, und er machte sich dabei ein Bild von den sich ständig verändernden Baustellenverhältnissen, doch mitunter musste man spontan sein. So ging es auf der Anfahrt zu einem Hochwasser-Einsatz im "Steig" zuerst einmal "quer durch den ganzen Ort". Und hätte es im Bereich der Iselshauser Straße gebrannt, wäre direkt nach der Alarmierung ein Anruf in Gündringen erfolgt. Um die für die Untergrund-Arbeiten zeitweise gekappte Wasserleitung in der Iselshauser Straße ausgleichen zu können, hätte der Wassermeister dort "den Schieber aufmachen müssen".

Nicht allein in Mötzingen wird gebaut und sind Straßen gesperrt. Auch in Oberjettingen wird aktuell die Ortsmitte neu gestaltet, mussten sich die Feuerwehrkameraden Alternativen erarbeiten, um trotz der großen Marktplatz-Baustelle den Kindergarten dort und die Oberjettinger Grundschule anfahren zu können. Und in der Zentrale der Herrenberger Gesamtwehr lagen in den letzten Wochen gleich mehrere Hinweiszettel. So wurde die Hauptverkehrsader durch das Gültsteiner Industriegebiet umfangreich und in verschiedenen Abschnitten saniert, in der Kernstadt gibt es unzählige Baumaßnahmen, die ein Durchkommen für die großen Feuerwehrfahrzeuge unmöglich machen und auch die wochenlange Teilsperrung der Oberjesinger Ortsdurchfahrt - und der damit verbundene Rückstau an der Baustellenampel - zwang die Einsatzkräfte zum Umdenken und Umplanen. Der neben der Bundesstraße verlaufende Radweg diente für den Busverkehr als Ausweichstrecke und die Testfahrt zeigte, dass auch die durch ihren ausladenden Aufbau recht unhandliche Drehleiter um die Ecke kommt, ohne am nebenstehenden Geländer hängen zu bleiben.

Wie im Oberen Gäu funktioniert auch in Herrenberg der Informationsfluss. Gemeinsam werden Maßnahmen erarbeitet, wozu beispielsweise Parkverbote zählten. Müssen die Einsatzkräfte Umwege in Kauf nehmen, werden diese von Hartmut Wanner, dem kommissarischen Stadtbrandmeister, vorab mit dem Kommandowagen abgefahren. Nicht gerade eine ideale Freizeitbeschäftigung für den Sonntagnachmittag, aber wie in allen anderen Gemeinden gilt auch hier: Eine gute Vorbereitung kann entscheidend sein. Mitunter wird für die Dauer der Baustellenzeit die Alarmierung umgestellt, so beispielsweise als im vergangenen Winter zeitgleich in der Ammersenke und auf der B 28 gebaut wurde. "Es hat sich gezeigt, dass die Drehleiter aus Nagold in diesem Fall schneller in Jettingen war als wir von Herrenberg", nennt Hartmut Wanner ein konkretes Beispiel. Massive Auswirkungen hatten auch die Vollsperrungen des Schönbuchtunnels für die Feuerwehr. Für diese Wochenenden wurde ein Bereitschaftsdienst eingeführt, die Kameraden waren stets in Mannschaftsstärke vor Ort. Weniger aufgrund eines höheren Gefährdungspotenzials, sondern um die "Ausrückezeiten in einem einigermaßen anständigen Rahmen halten zu können", wie Hartmut Wanner sagt. Was zeigt: Während sich die Verkehrsteilnehmer über Baustellen, Straßen- und Tunnelsperrungen "nur" ärgern, stellen diese Szenarien für die Feuerwehren immense Herausforderungen dar.

2016 11 02 Bauarbeiten als logische Herausforderungen
Die Mötzinger Feuerwehr muss derzeit ihre Einsätze und Übungen um die Baustellen herumplanen

Quelle:
Text: Gäubote - Sabine Haarer
Foto: Gäubote - Bäuerle